YezidentumNewsGalerienVereineJugendMenschenrechteGästebuchFAQLinksForumKontaktVideos


Armenien

Türkei

Georgien

Irak

  Der fundamentalistische Übergriff in Sheikhan

UNHCR-Bericht zur Situation der Yeziden im Irak

Menschenrechtssituation der Yeziden im Irak
Kurzstellungnahme zum IRAK

Yeziden in ihrer Heimat - Opfer doppelter Verfolgung

Yeziden im heutigen Irak - Ein Leben zwischen den Fronten

Yezidische Frauen im Irak - Stellungnahme an das VG Oldenburg
 


Syrien

 

 

yeziden.de Menschenrechte Irak Menschenrechtssituation der Yeziden im Irak   

Menschenrechtssituation der Yeziden im Irak

Yezidisches Forum e.V. - Mala Êzîdiyan

Eidechsenstr. 19 - D-26133 Oldenburg - info@yeziden.de

 

Oldenburg, 30.12.2004

 

Menschenrechtssituation der Yeziden im Irak

 

Die Welt erlebt es im Fernsehen mit: Der Irak ist fast zwei Jahre nach dem Sturz des Saddam-Regimes von Zielen wie Demokratie, Freiheit, Gleichberechtigung und Sicherheit für alle Bürger weit entfernt. Doch verborgen hinter den täglichen Schreckensmeldungen und von keiner Macht gebremst,  nehmen religiöse Fanatiker zunehmend die nichtislamischen Minderheiten ins Visier.

Allein in den letzten vier Monaten wurden mindestens 25 Mordfälle und doppelt soviel Gewaltakte gegen Yeziden registriert und weitgehend von uns dokumentiert. Wie weit die Grausamkeit der Täter dabei geht, mögen die folgenden Beispiele verdeutlichen:

Am 17. August 2004 wurde das Kind Fadi Aied Kheder aus Baschika von Terroristen ermordet. Es wurde enthauptet, danach wurde die Leiche verbrannt, weil das Kind nicht Muslim war, also ein Feind Gottes. So also meinen die Täter, Gott gegen ungläubige Kinder verteidigen zu müssen.

Eine öffentlich gerauchte Zigarette führte am 16. Oktober in der Stadt Telafar, 65 km westlich von  Mosul Richtung Sinjar, zu einer weiteren Bluttat: Die Yeziden Hazim Schingali und Suleiman Farsso aus Sinjar begegneten Moslems, als sich einer von beiden  eine Zigarette angesteckt hatte. Darauf einer der späteren Täter: „Du weiß doch, dass Ramadan ist.“  Der Yezide antwortete: „Ja, aber ich bin kein Muslim.“ Der Muslim kündigte beiden daraufhin eine Bestrafung an. Am 21. Oktober wurde beide Leichen auf der Bundesstraße Telafar Richtung Sinjar gefunden. Die Köpfe lagen auf den  Leichen, die Körper waren zerstückelt.

Am 8. Dezember  wurden fünf Yeziden von extremistischen Moslems an der Bundesstraße Telafer Richtug Sinjar ermordet.

Dies sind keine Taten vereinzelter Fanatiker, sondern Folge systematischer Kampagnen: Bereits im März 2004 waren in Mossul Flugblätter aufgetaucht, die all denjeigen „Gottes Lohn“ verheißen, die Yeziden töten. Am 23. September wurden in der Universität öffentlich Rundschreiben mit Drohungen gegen alle Frauen ausgehängt, die ohne Kopftuch angetroffen werden. Am 1. Oktober 2004 forderte der Imam der Umher-Al-Khtabs-Moschee in der Stadt Sheikhan über Lautsprecher alle Yeziden auf, zum Islam überzutreten. Andernfalls würden sie schwer bestraft. Sheikhan ist der Ort mit der höchsten Zahl von Yeziden im Irak. Das  Fest zu Ehren des yezidischen Reformators Sheikh Adi im Oktober („Cumaiya“) wird im Irak seit zwei Jahren nicht mehr gefeiert – aus Angst.

Akut bedroht sind auch die Religionsgemeinschaften der Chaldäer und Assyrer, wie die Gesellschaft für bedrohte Völker (Göttingen) berichtet . In Mossul wurden zwei irakische Christen, die in einem Restaurant arbeiteten, bei einem Überfall am 7. Oktober verschleppt und am nächsten Tag enthauptet aufgefunden worden. In der Stadt kursierten danach CDs mit Bildern der Bluttaten und Flugblätter mit Drohungen gegen christliche Geschäftsleute: Die Damenfriseure sollten schließen, alkoholische Getränke dürften nicht verkauft werden. In Berichten, die der Gesellschaft zugingen, ist bereits von Massenfluchten aus dem gesamten irakischen Gebiet in der Größenordnung von 30 000 bis 70 000 Christen die Rede. In Basra habe der islamistische Terror sein Ziel  –  die Vertreibung aller christlichen Einwohner - bereits erreicht.

In dem Versuch, staatliche Macht im Land zu installieren, sind die christlichen Minderheiten auch aufgrund des Drucks ihrer außer-irakischen Interessenvertretungen, einbezogen worden. Zielvorstellung der Übergangsregierung war es, alle Nationalitäten und religiösen Gruppen entsprechend ihrem Anteil an der Bevölkerung zu beteiligen. Die mehr als 600 000 im Irak lebenden Yeziden blieben jedoch bislang praktisch unberücksichtigt. Mit einer Ausnahme: Dr. Mammou Othman, Kurde und Yezide, gehört der amtierenden Regierung als Minister ohne Portofolio an. Entsandt wurde er von der von Mesud Barzani geführten kurdischen Partei KDP. Eine spezielle Zuständigkeit für Yeziden hat er indes nicht.

Der Islam wird in der provisorischen Verfassung zur Staatsreligion erhoben. Kein Gesetz darf im Widerspruch zu den islamischen Werten oder demokratischen Grundrechten stehen – in dieser  Reihenfolge. Das ehemalige Ministerium für religiöse Angelegenheiten wurde aufgehoben. Stattdessen wurden drei neue Abteilungen für Schiiten, Sunniten und Christen geschaffen.

Ende 2003 fand ein Treffen zwischen dem damaligen Leiter der amerikanischen Verwaltung im Irak, Paul Bremer, und dem Mir Tahsin Beg – dem geistlichen Oberhaupt der Yeziden – in Bagdad statt. Praktische Folgen sind nicht bekannt.

Die Yeziden, deren heilige Stätte Lalish an der Südgrenze des Nordirak liegt,  waren im Irak Saddams einer doppelten Verfolgung ausgesetzt. Einerseits sind sie Kurden, und andererseits kann sich ihre Religion – anders als bei Christen und Juden – nicht auf heilige Bücher stützen, was ihnen einen besonderen Schutzstatus von seiten der islamischen Mehrheit sichern würde. Fanatische Muslime behaupten vielmehr, die Yeziden seien eine  islamische Sekte, die vom rechten Weg abgekommen sei und deshalb zwangsweise bekehrt oder vernichtet werden müsse. Den Tätern winkt der Lohn im Paradies, aber auch die Opfer gelten als „errettet“. Ein weiterer Grund für den Hass gegen die Yeziden ist die historisch falsche Vorstellung, dass sie an der Ermordung von Hussain, dem Sohn des vierten Kalifen Ali Ibn Abi Talib, Mitschuld hätten. Leider haben sich in der Geschichte auch immer wieder kurdische moslemische Fanatiker an der Verfolgung beteiligt.

Die yezidische Religion ist  eine monotheistische Religion, deren Wurzeln 2.000 Jahre vor Christus in die Zeit des Mithraismus zurückreichen. Sie ist frei von Fanatismus und Alleinvertretungsanspruch. Nach yezidischer Vorstellung kann neben Gott keine zweite Kraft existieren, die ohne seine Fürsprache, ohne sein Dazutun etwas Böses verrichtet. Deshalb existiert auch nicht die Gestalt des Bösen. Damit einhergehend ist auch die Vorstellung, dass das Leben für einen Yeziden nicht mit dem Tod endet, sondern nach einer Seelenwanderung einen neuen Zustand erreicht.

Die Yeziden sind von der Volkszugehörigkeit Kurden. Sie sprechen die kurdische Sprache, und auch die Siedlungsgebiete der Yeziden liegen innerhalb der kurdischen Gebiete. Zwar gibt es keine offizielle Zählung der Yeziden, die Gesamtzahl wird jedoch auf 800.000 geschätzt. 15 % der irakischen Kurden sind yezidischen Glaubens. Damit ist das Yezidentum, das ehemals die ursprüngliche Religion der Kurden war, eine religiöse Minderheit unter den mehrheitlich moslemischen Kurden. Das Hauptsiedlungsgebiet ist der Nordirak, wo sich auch das religiöse Zentrum der Yeziden – Lalish – befindet.

90 % aller irakischen Yeziden leben südlich der Grenze des kurdischen Autonomiegebiets, wo die Situation weniger gefährlich ist. Die Vorstellung, wonach sie im Nordirak eine inländische Fluchtalternative hätten, also sämtlich von heute auf morgen in den Norden wandern und dort leben könnten, ist schon aus materiellen Gründen unrealistisch. Eine zunehmende Gefährdung geht im Nordirak  von der  Terroristengruppe  Ansar-al-Islam aus.

Wie in früheren Jahrhunderten, geht den Mordtaten  eine  Fatwa, ein religiöser Erlass der radikalen islamischen Geistlichen, voraus. Darin wird die Verfolgung und Ermordung der Ungläubigen aus dem Koran heraus gerechtfertigt. Ein historisches Beispiel dafür ist Scheikh Ahmad Bin Mustafa Abu As-Su’du Al- Amadi, der im 15. Jarhundert lebte und religiöser Gutachter zweier Sultane war, Schon damals rief er in einer Fatwa zum Mord an Yeziden und der Schändung ihrer Frauen und Kinder auf. Dies sei eine religiöse Pflichten, weil die Yeziden Abtrünnige seien, die das ruhmreiche Gottesbuch verspotten. Aus neuester Zeit stammt ein Artikel von Dr. Adnan Mohammad At-Tuma in der Zeitschrift Al-Etedjah Al-Aacher  Nr. 164 vom 10. Januar 2004 in Bagdad. Auch darin werden die Yeziden als Mörder und Verbrecher bezeichnet.

 

Fazit:

Der religiöse Fanatismus richtet sich konkret und gezielt gegen religiöse Minderheiten, besonders aber gegen die Yeziden. Sie sind deshalb weit mehr als die übrige Bevölkerung gefährdet, deren Los schon schwer genug ist. Die Gefahr massenhafter Verfolgung wächst vor allem in den Regionen, in denen keine institutionelle Macht ein Mindestmaß an Rechtlichkeit durchsetzen kann.
Die Yeziden sind bisher nicht als schutzwürdige Minderheit anerkannt. Dies wäre jedoch erforderlich, um  praktische Schritte zum Schutz dieser Gemeinschaft zu legitimieren.

Somit richten sich die Erwartungen in der gegenwärtigen Situation insbesondere an die irakischen Politiker, die versuchen, eine Zentralmacht zu etablieren und  den Terror einzudämmen. Es wird darauf ankommen, vor allem drei Kernforderungen umzusetzen:

Schutz und Rechte der yezidischen Religionsgemeinschaft  müssen  in der Verfassung verankert werden.
Die Gebiete mit yezidischem Bevölkerungsanteil, insbesondere Sinjar, Al Kosh, Sheikhan und Bahzani-Bashika, können nur geschützt werden, wenn sie der   künftigen kurdischen  Regionalregierung unterstellt werden.
Die Yeziden müssen Sitz und Stimme entsprechend ihres Bevölkerungsanteil in der irakischen Regierung und in der kurdischen Regionalregierung erhalten. Gerade das Problem der Bedrohung durch religiösen Fanatismus erfordert es, dass die yezidische Gemeinschaft selbst die Möglichkeit erhalten muss, sich und ihre Situation öffentlich darzustellen und die nötigen Konsequenzen einzufordern. Zudem würde erreicht, dass die Yeziden nicht länger als Gruppe erscheinen, die von vornherein ausgegrenzt werden kann und damit der Rechtlosigkeit überlassen bleibt.

 

Gez. Vorstand

Yezidisches Forum e.V.

 

Weitere Berichte zum Irak

Menschenrechtsberichte

Brief an die Irakische Regierung

Brief an die kurdische Regionalregierung

 


 

    - top -