Titel: Yeziden fühlen sich als Bürger dieser Stadt




Vorstand im Jahre 2002 - stehend: Behiye Tolan, Mehmet Tekce, Telim Tolan, Sait Yenirce - sitzend: Sahap Dag, Yildiz Tekce, Hassan Oba, Irfan Yavuz, es fehlt Hasan Khamo

Telim Tolan

 

Rede des ersten Vorsitzende des Yezidischen Forums - Telim Tolan - zur Einweihungsfeier des yezidischen Gemeindezentrums in Oldenburg am 22.06.2001.

 

Sehr verehrte Damen und Herren!

Sicherlich haben Sie schon viele Einweihungsfeiern miterlebt. Dieses Ereignis, zu dem ich Sie willkommen heiße, ist vielleicht insofern für Sie nichts völlig Neues. Für uns ist es natürlich einmalig. Wir feiern heute die Einweihung des ersten yezidischen Gemeindezentrums, dass in Europa Stein auf Stein von Yeziden errichtet wurde.

Aber ich denke, es hat etwas Besonderes schon deshalb, weil wir als eine kleine Gruppe gezeigt haben, dass wir gemeinsam etwas zustandebringen können.

Sie, verehrte Ehrengäste, haben uns dabei - und auch sonst - in vielfältiger Weise unterstützt.  Ich darf Herrn Bürgermeister Alfred Nehring in diesem Sinne begrüßen. Ich freue mich, dass die Bundesvorsitzende der Gesellschaft für bedrohte Völker, Irina Wießner, zu uns gekommen ist.

Ebenfalls mit Dank für ihre vielfältige Unterstützung begrüße ich den Bundestagsabgeordneten Herrn Dietmar Schütz und den Landtagsabgeordneten Herrn Wolfgang Wulf.  Ich hätte hier gerne den Bundestagsabgeordneten Thomas Kossendey begrüßt. Er hatte seine Zusage erteilt, musste aber aufgrund politischer Ereignisse diesen Termin kurzfristig absagen. Er hat uns ein Grußwort übermittelt.

Ich begrüße herzlich die Damen und Herren des Rates sowie der Verwaltung der Stadt Oldenburg.

Ich begrüße alle unsere Gäste, die aus Verbundenheit mit uns hierher gekommen sind, und ich freue mich auch, dass unsere Gemeinschaft hier so zahlreich vertreten ist.

Wir wollen heute Abend mit Ihnen zusammen die offizielle Einweihung unseres Forums feiern. Bei der Gelegenheit möchte ich ein paar Worte über unsere Gemeinschaft sagen. Vieles wissen Sie sicherlich. So wissen Sie, dass die Yeziden zu den Kurden gehören.

Wir sprechen Kurdisch und zunehmend auch Deutsch. Die meisten hier lebenden Yeziden stammen aus der Ost-Türkei. In den anderen kurdischen Gebieten leben ebenfalls noch Yeziden: in Syrien unter schwersten Bedingungen, im Irak und einige wenige im Iran.  Es gibt auch  Yeziden in den ehemaligen Sowjetstaaten Armenien und Georgien, wo die Verhältnisse ebenfalls schlimm sind. In Nordrhein-Westfalen ist die Abschiebung von Yeziden aus Georgien deshalb jetzt erst einmal aufgeschoben worden.

Nicht alle Flüchtlinge sind nach Deutschland gekommen. Offizielle Zahlen, wie viele wir eigentlich sind, gibt es nicht. Es gibt nur Schätzungen. Die Gesamtzahl wird auf 800.000 geschätzt. Damit ist das Yezidentum, das ehemals die Ursprungsreligion der Kurden war, eine religiöse Minderheit unter den mehrheitlich moslemischen Kurden. Etwa 550.000 leben im Nordirak als Hauptsiedlungsgebiet, davon ca. 90% in dem von Saddam Hussein regierten Zentralirak. Das religiöse Zentrum der Yeziden  - Lalish  - liegt in der Nähe von Mosul. In der Nähe befindet sich auch der Sitz des weltlichen und geistigen Oberhauptes der Yeziden. An dieser Stelle begrüße ich den Sohn des yezidischen Oberhauptes, Ziyad Tahsin. Ebenfalls freue ich mich, dass der Peshimam Hassan Kanat aus Celle unter unseren Gästen ist.

Die yezidische Religion ist eine monotheistische Religion. Die Yeziden glauben nur an einen Gott, der allmächtig ist und einen Stellvertreter hat, der Tausi-Melek heißt. Er ist der oberste Engel und der Verwalter Gottes auf Erden. Die Wurzeln des Yezidentums reichen bis zu 2.000 Jahre vor Christus  in die Zeit des Mithraismus zurück.

Im Yezidentum existiert nicht die Gestalt des Bösen. Die yezidische Vorstellung ist, dass Gott allmächtig ist und neben Gott auch keine zweite Kraft existieren kann, die ohne seine Fürsprache, ohne sein Dazutun etwas Böses tun kann. Der Mensch  ist in unserer Sicht für gute und böse Taten verantwortlich.

In den Augen der fundamentalistischen Moslems gelten die Yeziden als “Ungläubige”, die entweder bekehrt oder umgebracht werden. Wer einen Ungläubigen tötet, dem öffnet sich der Weg ins Paradies. Das hat übrigens ein Deutscher in Hameln vor einigen Jahren ernst genommen. Er war zum Islam übergetreten und hat einen Yeziden erschossen.

Die fanatischen Moslems, die yezidische Dörfer verwüsten oder die Einwohner vertreiben, Menschen ermorden oder Frauen entführen, werden in diesen Ländern nicht bestraft.  Yeziden können dort nicht öffentlich in Erscheinung treten, ohne ihre Identität zu leugnen. Ein Yezidisches Forum ist in der Türkei, in Syrien oder Zentralirak undenkbar.

Wir schätzen, dass in Deutschland inzwischen 35.000 Yeziden leben. Fast alle in Deutschland lebenden Yeziden aus der Türkei haben mittlerweile einen festen Aufenthaltsstatuts. Sie sind anerkannt oder haben Bleiberecht.  Wenn man bedenkt, wie wenig Asylanträge in Deutschland anerkannt werden, dann kann man ermessen, was das bedeutet.

Bis zur Anerkennung der Yeziden als religiös Verfolgte war es ein langer Weg. Diesen Weg sind wir  nicht allein gegangen. An unserer Seite standen engagierte und couragierte Personen, Politiker, Organisationen und Rechtsanwälte. Wir können hier nicht alle nennen. Erlauben Sie mir dennoch drei zu nennen, die maßgeblich zu der Anerkennung und damit  zu einem Leben in Freiheit beigetragen haben.

Der Theologe Prof. Dr. Dr. Wießner, der an der Georg-August-Universität Göttingen gelehrt hat, widmete sich als Wissenschaftler den Religionen des vorderen Orients und damit auch unserem Glauben. Dabei sah er die Situation der Menschen in diesen Ländern. Professor Wießner hat die Verantwortung angenommen, die sich jedem stellt, der Not sieht. Er hat bei seinen Feldforschungen in der Türkei gesehen, dass unsere Religionsgemeinschaft unterdrückt wird. Und diese Tatsache hat er in den Asylverfahren bei den Gerichten auch eindrucksvoll deutlich gemacht.

Professor Wießner hat - ich glaube, mehr als zwei Jahrzehnte - die Siedlungsgebiete bereist. Er war schließlich davon überzeugt, dass die Yeziden in der Türkei auf Dauer untergehen würden.  Ich habe hier ein Zitat aus einem Interview. Darin sagt er folgendes: “Die Yeziden sind die erste kleine Gemeinschaft gewesen, mit der ich zusammengekommen bin und bei der ich selbst erlebt habe, dass es sich um eine unterdrückte Gemeinschaft handelt.“

Mit seinem Gutachten hat er 1982 beim VG Stade erstmals eine Anerkennung der Yeziden erreichen können.  Es hat dann noch elf Jahre gedauert, bis sich diese Rechtsprechung durchsetzte. Als letztes deutsches Gericht hat das Oberverwaltungsgericht Lüneburg Anfang 1993 Yeziden als gruppenverfolgt anerkannt.

Professor Wießner, der leider zu früh verstorben ist, hat uns auch ermuntert, uns selbst um unsere Gemeinschaft zu kümmern. Insofern ist er auch ein geistiger Wegbereiter dieses Hauses. Ich freue mich ganz besonders darüber, dass Frau  Wießner heute hier anwesend ist und gleich zu uns sprechen wird.

Die Gesellschaft für bedrohte Völker, dessen Beiratsmitglied Prof. Wießner war, hat sich als Menschenrechtsorganisation für uns eingesetzt und vor allem dafür, dass wir nicht abgeschoben werden. Unser  Dank gilt daher ganz besonders dem Generalsekretär Tilman Zülch und seinen Mitarbeitern.

Einen Meilenstein in unserer kurzen deutschen Geschichte hat Dr. Herbert Schnoor gesetzt. Er ist jetzt Mitglied der Zuwanderungskommission. 1989 war die Rechtsprechung noch nicht so weit wie heute. Damals hätte auch Nordrhein-Westfalen Yeziden in großer Zahl in die Türkei abschieben müssen, weil die Asylanträge abgelehnt worden waren. Es gab darüber Gespräche mit der Gesellschaft. Das Ergebnis war eine Delegationsreise in die Türkei: Dr. Schnoor, damals Landesinnenminister, Professor Wießner und einige Begleiter fuhren in die Südosttürkei und später  zur deutschen Botschaft in Ankara. Dr. Schnoor  wollte sich vor Ort ein Bild über die Situation der Yeziden machen. Tief beeindruckt von dem Unrecht an den Yeziden, hat er sich politisch für ein Bleiberecht der Yeziden in Deutschland ausgesprochen und in Nordrhein-Westfalen verfügt. Damals konnten die Bundesländer noch selbständig darüber entscheiden.

Leider kann Herr Dr. Schnoor heute aufgrund eines Auslandsaufenthaltes nicht hier sein. Er hat uns in einem persönlichen Gespräch alles Gute gewünscht und ist froh darüber, dass die Yeziden sich so weit integriert haben. Unser Dank gilt auch seinem Ministerialdirigenten Hans Engel, der ebenfalls ein Grußwort übermittelt hat.

Der heutige Bundeskanzler Gerhard Schröder, der die Situation der Yeziden noch in seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt kannengelernt hatte, hat das Bleiberecht 1990 verfügt, nachdem er in Niedersachsen zum Ministerpräsidenten gewählt worden war.

Als die heutige Elterngeneration der Yeziden nach Deutschland kam, mussten sie lernen, sich in einem ganz neuen Kulturraum zurechtzufinden.

Ich erlaube mir einfach das Bild: Vom hintersten Dorf in Nahen Osten in die moderne deutsche Stadt. Die meisten Yeziden haben in ihren Heimatgebieten von der Landwirtschaft gelebt. Das Bildungsniveau war sehr niedrig. Viele haben erst in Deutschland ihre Erfahrungen mit der sogenannten modernen Gesellschaft gemacht.

In den Jahrhunderten der Unterdrückung haben die Yeziden Überlebenstechniken entwickelt, aber natürlich nicht für ein völlig anderes Land. Viele sind auch heute noch von Angst geprägt: Angst vor Abschiebung und jetzt die Sorge,  dass die Kultur und Religion der Yeziden, die unter schwersten Bedingungen in der Heimat gewahrt wurde, jetzt untergeht. Herr Prof. Wießner hat das Problem schon früh erkannt. Er sprach in dem Buch über die Yeziden von der Gesellschaft für bedrohte Völker vom „tötenden Licht einer fremden Welt.“

Die Integration der Yeziden läuft nicht immer reibungslos, sie ist aber gerade bei der zweiten Generation sehr weit vorangekommen. Mittlerweile gibt es eine gute Zahl von Hochschulabsolventen und Personen in sehr qualifizierten Arbeitsbereichen.Yeziden fühlen sich als Bürger dieser Stadt, als Mitglieder dieser Gesellschaft. Viele besitzen bereits die deutsche Staats_angehörigkeit. Sie wollen mit ihrer Arbeit auch zum Wohl dieser Stadt und des Landes beitragen. Die kulturelle Eigenheit  sollte als eine Bereicherung und Chance verstanden werden. Hochkulturen entwickeln sich immer dann, wenn unterschiedliche Kulturen und Religionsgemeinschaften zusammen kommen. Hierin liegt eine große Chance auch für eine Stadt. Voraussetzung hierfür ist die gegenseitige Wertschätzung.

In erster Linie hat sich unser Verein der Pflege und Weitergabe der Kultur und Religion der Yeziden verpflichtet, ähnlich der Zielsetzung christlicher Gemeindehäuser. Aber es geht auch um die Transformation der yezidischen Gemeinschaft in die deutsche Gesellschaft. Natürlich kann das Yezidentum nicht einfach so weiterleben wie in der Heimat. Wir haben es in unserer Satzung so beschrieben: Wir wollen eine Möglichkeit schaffen, unsere Kultur unter den Bedingungen der aufgeklärten modernen Gesellschaft in Westeuropa  zu erhalten.

Die Yeziden haben sehr viel Unterstützung erfahren. Die Pastorenfamilie Werner und Gisela Prieß, sowie die Familie Barbara und Bernd Lehmann haben ehrenamtlich sehr viel Zeit und Energie für die Bewältigung von Problemsituationen  aufgebracht. Sie haben manche Entbehrungen hinnehmen müssen. Wir freuen uns, dass sie hier in unsere Mitte sind. Herzlichen Dank.

Lassen Sie mich zurückkommen auf die Situation der Yeziden in der Stadt Oldenburg.

Es spricht für das tolerante Klima dieser Stadt, dass  Minderheiten wie  unsere das Gefühl haben, hier existieren  zu können.

Wir wollen auch interkulturelle Begegnungen fördern - insbesondere zwischen den Yeziden und den Deutschen. Denn nur eine Kultur, die gelebt wird, kann sich austauschen. Dieser Austausch ist wichtig für die Harmonisierung und Belebung der Gesellschaft, wichtig aber auch deshalb, weil der Kulturaustausch hilft, Vorurteile abzubauen und damit eine Ursache der Ausländerfeindlichkeit zu bekämpfen.

Wir meinen: Multikulturelle Gesellschaft bedeutet das Miteinanderleben unterschiedlicher Kulturen. Dazu gehört nicht nur das Angebot unterschiedlicher Länderküchen!

Es ist schön zu wissen, dass nicht nur unser Verein Yeziden betreut. Überall wo es größere yezidische Gemeinden gibt, sind yezidische Vereine gegründet worden. Wir begrüßen die hier anwesenden Vereine aus Hannover, Hasselt, Leer, Bergen und der Vertretung des yezidischen Vereins aus Dohuk-Kurdistan-Irak.

Unter größten finanziellen und personellen Anstrengungen haben wir unser Forum errichtet. Als wir den ersten Spatenstich gesetzt haben – damals war auch der Bürgermeister Alfred Nehring dabei - war die finanzielle Situation nicht ausreichend. Aber wir haben an diese Sache geglaubt. Viele Yeziden haben uns Geld gespendet und zinslose Darlehen zur Verfügung gestellt.  Wir danken allen ehrenamtlichen Bauhelfern. Es haben viele Yeziden beim Bau mitgeholfen, vom Handlanger zum Bauingenieur. Es war für viele beeindruckend, wie sich  das Haus vom ersten Spatenstich im August 1998 bis zur Fertigstellung im November 1999 entwickelte. Dies hat sicherlich zu einer stärkeren Identifikation mit dem neugeschaffenen Forum geführt. ““Wir bedanken uns auch für die freundliche Unterstützung der Bauunternehmung Peter Neumann.

Wir danken der Lotto-Stiftung und ihrem Vorsitzenden Scheibe für einen Zuschuss von DM 50.000 und der tatkräftigen Unterstützung des Antrages durch den Landtagsabgeordneten Wolfgang Wulf.

Wir danken dem Bezirksverband und ihrem Geschäftsführer Meyer für einen Zuschuss von DM 10.000.

Wir danken der Ausländerbeauftragten des Landes Niedersachsen Frau Gisela Erpenbeck für einen Einrichtungszuschuss von DM 8.000. An dieser Stelle möchte ich Ihnen ihre besten Grüße übermitteln.

Wir danken der Stadt Oldenburg, insbesondere dem Stadtjugendpfleger und Ausländerbeauftragten, der Diakonie und dem Rotary-Club für weitere Einrichtungszuschüsse.

Der Dialog zwischen den Religionsgemeinschaften ist uns sehr wichtig. Und dass wir heute Pastoren, Vertreter der Diakonie und der Gemeinwesenarbeit  zu Gast haben, zeigt uns, dass wir interessierte Gesprächspartner haben.e  In Zeiten, in denen die Religiosität abnimmt, ist es wichtig, dass sich die Vertreter verschiedener Religionen zusammensetzen. Nach unserem Grundverständnis sollte ein Yezide ein guter Mensch sein. Aber um ein guter Mensch zu sein, muss man nicht Yezide sein. Das heißt also: Die Yeziden vertreten nicht die Auffassung, dass sie andere Menschen von der eigenen Religion überzeugen  müssen. Die Yeziden kennen kein Missionieren, sondern das Yezidentum ist von vornherein tolerant gegenüber anderen Religionen. In einem Gebet der Yeziden wird gesagt: “Lieber Gott, schütze erst die 72 anderen Völker und dann uns”.

Wir haben keine Berührungsängste mit anderen Religionsgemeinschaften. So ist z.B. das Verhältnis zwischen Yeziden und Christen sehr gut. Dies hat etwas mit der gemeinsamen Leidensgeschichte der Yeziden und Christen in den kurdischen Gebieten zu tun. Die Yeziden haben  während der Zeit der Armenienverfolgung (1914 - 1917) sehr viele Christen in ihren Häusern aufgenommen. Sie haben sie vor der Verfolgung durch fundamentalistische Moslems geschützt, aber auch umgekehrt haben Christen die Yeziden geschützt. Von daher gibt es ein sehr gutes Verhältnis zwischen Yeziden und Christen.

Wir haben uns sehr über das Grußwort von Frau Sara-Ruth Schumann, der Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, gefreut.

Wir danken nicht zuletzt Ihnen, Herr Dr. Seeber, dass Sie sich als Kulturdezernent  unserer Sache angenommen haben und uns bei der Grundstückssuche erfolgreich unterstützt haben. Wir danken den Mitgliedern des Kulturausschusses,  und hier stellvertretend für alle der Vorsitzenden Frau Waldtraut Scheibert, die parteiübergreifend – SPD, CDU, FDP und die Grünen - die Grundstücksvergabe an uns beschlossen haben. Diese breite Zustimmung hat uns viel Mut gemacht.

Unser Verein hat sich für die Zukunft einiges vorgenommen. Dazu gehört auch praktische Arbeit, nicht zuletzt mit unserer älteren Generation und den Jugendlichen, mit Frauen und in der Flüchtlingssozialarbeit. Unser Verein wurde übrigens  am 31. Oktober 1993 gegründet und hat zur Zeit 197 yezidische Familien als Mitglieder.

Ein großes Problem ist für uns, dass die Elterngeneration sehr stark in den Bindungen unserer Gemeinschaft lebt, während die Jugendlichen in der deutschen Umgebung aufwachsen. Das schafft zwischen ihnen und ihren Eltern auch Entfremdung. Die Eltern können oft in Problemsituationen nicht helfen, die Jugendlichen fühlen sich allein.  Für uns wird daher die Arbeit mit unseren Jugendlichen ein Schwerpunkt sein. Wir wollen die Integration der Jugendlichen fördern und wichtige soziale Werte wie Menschlichkeit und Toleranz vermitteln. Vor allem müssen unsere Jugendlichen ihre eigene Situation verstehen lernen. Sie müssen lernen, ihren Weg zu finden. Der Lichterglanz dieser Welt hier verführt oft dazu, dass man glaubt, das Leben wäre hier ganz einfach. Da entstehen bei unseren Jugendlichen oft gefährliche Illusionen. Hier möchten wir möglichst professionell Hilfestellung geben. Wir sind inzwischen anerkannter Träger der freien Jugendhilfe und  Mitglied im Stadtjugendring.

Wie modern wir sind, das können Sie daran sehen, dass in unseren Vorstand eine Frauenbeauftragte zur Wahrung der Interessen der Frauen berufen wurde. Das ist natürlich auch sachlich begründet und sehr wichtig. Ich behaupte, dass unsere Frauen in aller Regel nicht unterdrückt werden. Aber die Hausfrauenrolle haben sie hier auch und das heißt, dass sie weniger Kontakt mit dem deutschen Umfeld haben. Das betrifft allerdings nur die ältere Generation. Wir wollen unter anderem Arbeitskreise für Frauen einrichten und  Begegnungen mit anderen nicht-yezidischen Frauengruppen ermöglichen. Wir denken weiter an Alphabetisierungskurse und Weiterbildung.

Für die ältere Generation ist es schwierig, Kontakte zum neuen Umfeld in Deutschland zu knüpfen. Wir laden oft Nachbarn ein, aber oft stoßen wir auf eine Art Schwellenangst. Wenn diese Angst überwunden werden kann, entwickeln sich oft gute und bleibende Kontakte. Auch in dieser Hinsicht wollen wir fördernd eingreifen. Und ein weiterer wichtiger Punkt ist natürlich die Hilfe bei Orientierungsproblemen im Umgang mit Behörden und anderen Institutionen.

Das deutsche Sprichwort “Einen alten Baum verpflanzt man nicht“ hat auch bei den älteren Yeziden seine Bedeutung. Der Wechsel aus einer traditionellen Gesellschaft in eine  moderne Industriegesellschaft fällt  besonders dieser Gruppe schwer und hat  psychische Folgen, aber auch physische.  Es gibt keine Landwirtschaft, in der sie helfen können. Zum Arbeitsleben haben die Älteren mangels Ausbildung und Sprachkenntnissen keinen Zugang. In den Dörfern hatten sie Kontakt zu den Verwandten, hier ist der Kontakt meist nur schwer aufrechtzuerhalten. Das ist eine Folge des Asylverfahrensgesetzes. Das Gesetz soll die Asylbewerber gleichmäßig über Deutschland verteilen. Dadurch sind gerade die älteren nicht mehr in der Lage, den Kontakt zu halten. Damit unsere Senioren nicht vereinsamen, ist es wichtig, Treffpunkte zu organisieren.

Ein wichtiges Ziel für unseren Verein ist die Kulturarbeit und vor allem die Vermittlung unserer Religion, die in allen Ländern, in denen Yeziden wohnen, über Jahrhunderte unterdrückt wurde. Dadurch ist bei vielen Yeziden auch Wissen verlorengegangen. Unsere traditionellen religiösen Feste und Veranstaltungen können jetzt in diesen Räumen stattfinden. Damit sie in einem festlichen Rahmen stattfinden können, werden Musik- und Folkloregruppen gebildet. Diese Arbeit trägt nach Jahren der Unterdrückung in der Heimat viel zum Selbstwertgefühl bei und erleichtert damit die Integration.

Wir wollen auch ein spezielles Bildungsangebot schaffen, um die Integration in den Arbeitsprozess zu fördern, vor allem für Jugendliche. Wir haben bereits erfolgreich Deutschkurse durchgeführt.

Wenn wir heute feiern, dann gedenken wir auch der Yeziden, die für ihre Überzeugung ihr Leben geben mussten.

Wir denken an die Yeziden in der Heimat, die weiterhin nicht ausreichend geschützt werden.

Wir denken an die Yeziden in Asylverfahren, die vielleicht abgeschoben werden. Auch hier wollen wir unsere Stimme erheben und werben um Unterstützung.

Sie sehen, dieses Haus wird mit Leben erfüllt sein.

 

Das ist durch Ihre Unterstützung möglich geworden.

 

Wir möchten diesen Dialog mit Ihnen auch in der Zukunft fortführen und intensivieren.

 

Lassen Sie uns aufeinander zugehen.

 

Wir alle sollten uns als gleichberechtigte  Mitglieder dieser Gesellschaft sehen.

Last but not least – diese Floskel darf in keiner Rede fehlen! - möchte ich Ihnen den Vorstand vorstellen.

Diese Arbeit ist nicht die Arbeit eines Einzelnen, sondern eines großen Teams!

Im Namen des Vorstandes danke ich Ihnen.

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!



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