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 Telim Tolan - Foto: W. Prieß
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Telim Tolan
Der nachfolgende Vortrag ist bis auf kleine Abweichungen ein Mitschnitt eines Vortrages, welcher anlässlich einer Seminarreihe der Diakonie Oldenburg veranstaltet wurde. Es wurde dabei bewusst auf eine ausgesprochen verschriftlichte Formulierungsweise verzichtet.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich begrüße Sie herzlich zu unserem Vortrag: Die Yeziden in Deutschland - Religion und Leben.
Es gibt mittlerweile sehr viele Yeziden in Deutschland, und entsprechend gibt es auch viele Fragen, die im Zusammenleben mit den Yeziden entstehen. Ich werde versuchen, heute einige Antworten darauf zu geben. Der Dialog unter den Religionen ist Voraussetzung für die gemeinsame Akzeptanz und den gegenseitigen Respekt. In Zeiten, in denen Religiosität abnimmt, ist es wichtig, dass sich die Angehörigen unterschiedlicher Religionen austauschen, gemeinsam über ihre Probleme sprechen und auch von den gemeinsamen Problemlösungen lernen und profitieren können. In diesem Sinne möchte ich meinen Vortrag beginnen. Ich werde Ihnen zuerst einen Einblick über die yezidische Religion geben und erklären, wer die Yeziden sind. Von der Zeitvorgabe her fällt mir das alles ein bisschen schwer, weil natürlich gerade die Yeziden - für die meisten hier - immer noch ein „weißes Blatt Papier“ sind. Ich werde aber versuchen, Ihnen die wichtigsten Aussagen des „Yezidentums heute“ näher zu bringen. Danach werde ich folgende Aspekte ansprechen: „Yeziden in Deutschland“, „Religiöses Leben in Deutschland“ und „Konflikte in der Diaspora“. Zum Schluss möchte ich Ihnen die Gelegenheit geben, Fragen zu stellen und - wenn mir die Zeit gewährt wird - auch ausführlich Antworten geben. Viele wichtige Themen können aus Zeitgründen nur kurz bzw. gar nicht angesprochen werden. Deshalb sollte dieser Vortrag auch nur als Einführung zum besseren Verständnis der Yeziden zu verstehen.
Wer sind die Yeziden?
Die Yeziden sind von der Volkszugehörigkeit Kurden. Sie sprechen die kurdische Sprache, und auch die Siedlungsgebiete der Yeziden sind die kurdischen Gebiete. Wie Sie wissen, gibt es kein freies Kurdistan. Die Yeziden leben verteilt im Irak, in Syrien, Türkei und ein ganz kleiner Teil im Iran. Es gibt auch noch Yeziden in den ehemaligen Sowjetstaaten Armenien und Georgien und mittlerweile auch in Deutschland. Zwar gibt es keine offizielle Zählung der Yeziden, die Gesamtzahl wird jedoch auf 800.000 geschätzt. Damit ist das Yezidentum, das ehemals die Ursprungsreligion der Kurden war, eine religiöse Minderheit unter den mehrheitlich moslemischen Kurden. Etwa 550.000 leben im Nordirak als Hauptsiedlungsgebiet, wo sich auch das religiöse Zentrum der Yeziden - Lalish - befindet. Lalish liegt in der Nähe von Mossul. In der Nähe liegt auch der Sitz des weltlichen und geistigen Oberhauptes der Yeziden.
Es gibt im Yezidentum keine schriftliche Fixierung der religiösen Lehre, wie es vergleichbar die Bibel für die Christen ist. Die Vermittlung beruht vielmehr auf mündlicher Überlieferung. Es gibt jedoch zwei Bücher, das „Buch der Offenbarung“ - kurdisch „Kiteba Celwa“, und die Schwarze Schrift. Die kurdische Bezeichnung hierfür ist „Meshefa Resh“. Beide haben aber nie die Bedeutung gehabt, die Religion zu vermitteln. Sie sind “leider als Originale auch nicht mehr auffindbar. Es sind lediglich einige Abschriften vorhanden, wobei davon ausgegangen werden kann, dass diese nicht in allen Teilen authentisch sind.
Die Wurzeln des Yezidentums reichen bis zu 2.000 Jahre vor Christus in die Zeit des Mithraismus zurück.
Die yezidische Religion ist eine monotheistische Religion. Die Yeziden glauben nur an einen Gott, der allmächtig ist. Er hat aus seinem Licht sieben Engel geschaffen. Einen von ihnen - den Tausi-Melek - hat er zum obersten Engel erkoren, weil er in besonderer Weise die Enzigartigkeit Gottes gehuldigt hat (s. Seite 66: Nichtanbetung Adams). Er wird im Yezidentum durch einen Pfau symbolisiert.
Im Yezidentum existiert nicht die Gestalt des Bösen. Die yezidische Vorstellung ist, dass Gott allmächtig ist und neben Gott auch keine zweite Kraft existieren kann, die ohne seine Fürsprache, ohne sein Dazutun etwas Böses verrichten kann. Die Yeziden sprechen auch nicht das Wort des Bösen aus, weil allein der Ausspruch dieses Wortes die Anzweiflung der Einzigartigkeit Gottes ist. Nach yezidischer Vorstellung wäre Gott schwach, wenn er noch eine zweite Kraft neben sich existieren lassen würde. Diese Vorstellung wäre mit der Allmacht Gottes nicht vereinbar. Die Auffassung, dass es eine von Gott geduldete Kraft des Bösen nicht geben kann, hat leider zu einem falschen Verständnis der yezidischen Religion geführt. Besonders von fundamentalistischen Moslems werden die Yeziden als Anbeter des Bösen bezeichnet, was ja genau dem widerspricht, was ich Ihnen erzählt habe. Das Yezidentum ist nun mal eine Religionsgemeinschaft, die nicht so ganz in die Struktur und das Verständnis einiger Religionen passt, und deshalb ist wohl eine Abneigung gegenüber dem Yezidentum entstanden.
Wichtig für das Verständnis der yezidischen Religion ist, dass es im Yezidentum eine Art Kastengesellschaft gibt. Man kann als Yezide nur geboren werden. Es besteht nicht die Möglichkeit, zum Yezidentum zu konvertieren. Und seit dem 11. Jahrhundert gibt es innerhalb der Yeziden bestimmte Abgrenzungen oder Kasten, die der yezidische Reformator Sheikh Adi eingeführt hat. Die Gruppen sind unterteilt in Laien - die kurdische Bezeichnung lautet „Murid“ (das allgemeine Volk) - und die Kaste der Geistlichen, die sich dann noch in zwei weitere Kasten unterteilt - die Kaste der „Sheikh“ und die der „Pir“. Die Zuordnung der Kasten erfolgt nach dem Vererbungsprinzip. Die Kinder von Murid-Eltern sind ebenfalls Murids, sowie die Kinder von Sheikh-Eltern Sheikhs und die Kinder von Pir-Eltern Pirs sind. Jeder Sheikh- und Pir-Familie sind von Geburt Murids zugeordnet. Die Geistlichen haben die Funktion, die Laien zu betreuen und in der religiösen Lehre zu unterweisen. Darüber hinaus übernehmen sie wichtige soziale Funktionen. Im Gegensatz zum Kastenwesen im Hinduismus haben die Kasten nicht die Funktion, eine weltliche Hierarchie herzustellen, sondern wie beschrieben hauptsächlich religiöse Funktion. Es gibt also in der yezidischen Gesellschaft keine Ausgrenzung und keine Parias. Der Kontakt zwischen den einzelnen Kasten ist nicht nur gewünscht, sondern die einzige Möglichkeit, die Religion zu bewahren. Durch die Einführung der Kasten wurde eine komplexe Gesellschaft geschaffen, die aufgrund der gegenseitigen Abhängigkeit zu einem besseren Zusammenhalt unter den Yeziden geführt hat. Es war den Yeziden aufgrund der Unterdrückung versagt, ihre religiöse Organisation öffentlich zu bestimmen und zu pflegen. Durch die von Geburt festgelegte Zuordnung zu einer Kaste und einem Betreuungsverbund hat Sheikh Adi ein religiöses System etabliert, das den Yeziden ermöglicht hat, in der Unterdrückung auch ohne die sonst erforderliche öffentliche Organisation ihr religiöses Leben zu führen. Diese Regeln haben bewirkt, dass die Yeziden gegen die massiven Islamisierungsbestrebungen resistenter wurden.
Die Regel, dass man nur untereinander heiratet, ist nicht entstanden, um sich von anderen abzugrenzen oder zu demonstrieren, dass dies die einzig richtige Religionsgemeinschaft wäre, sondern allein zur Selbsterhaltung. Es steckt kein Überlegenheitsdünkel dahinter: Wir sehen uns nicht als etwas Besonderes oder womöglich eine Art edle Rasse. Bei der Beurteilung sollte man nicht unberücksichtigt lassen, dass genau diese Regel die Yeziden im Unterschied zu anderen Religionsgemeinschaften vom Bekehrungszwang abgehalten hat. Wieviele Kriege sind im Namen der Religion geführt worden, um die Ungläubigen zu bekämpfen? Wieviele Menschen müssen noch heute darunter leiden? Wieviele mussten ihr Leben opfern?
Die yezidische Gesellschaft hat als Grundverständnis, dass ein Yezide ein guter Mensch sein kann, aber um ein guter Mensch zu sein, muss man nicht Yezide sein. Das heißt also: Die Yeziden vertreten nicht die Auffassung, dass sie andere Menschen von der eigenen Religion überzeugen müssen, also die anderen von ihrer Religion abbringen und missionieren müssen. Sondern das Yezidentum ist von vornherein tolerant gegenüber anderen Religionen. In einem Gebet der Yeziden heisst es: „Lieber Gott, schütze erst die 72 Völker und dann uns“. Die Yeziden haben keine Berührungsängste mit anderen Religionsgemeinschaften. So ist z.B. das Verhältnis zwischen Yeziden und Christen sehr gut. Dies hat auch etwas mit der gemeinsamen Leidensgeschichte der Yeziden und Christen in den kurdischen Gebieten zu tun. Die Yeziden haben während der Zeit der Armenierverfolgung (1914-1917) sehr viele Christen in ihren Häusern aufgenommen. Sie haben sie vor der Verfolgung durch fundamentalistische Moslems geschützt, die wahrscheinlich den Islam nicht richtig verstanden haben. Aber auch umgekehrt haben Christen die Yeziden geschützt. Von daher gibt es ein sehr gutes Verhältnis zwischen Yeziden und Christen.
Wie leben die Yeziden in Deutschland und warum sind die Yeziden in Deutschland?
Die Yeziden werden in ihrer Heimat verfolgt. Einmal ethnisch, weil sie Kurden sind, aber dann noch viel gravierender, weil sie Yeziden sind. Weil sie einer Glaubensgemeinschaft angehören, die aus Sicht der fundamentalistischen Moslems kein Recht hat, überhaupt zu existieren. Das Christentum und das Judentum gehören zu den geduldeten Religionen. Aber das Yezidentum wird als eine Abspaltung des Islam, praktisch als eine Sekte verstanden, die von dem richtigen Weg abgekommen ist. Deren Anhänger sind zu bekehren oder umzubringen.
Die Yeziden haben auch keinen Schutz von den Regierungen und Staaten bekommen. Die Türkei z. B. hat die Yeziden nicht davor schützen können oder wollen, verfolgt zu werden. Deswegen sind besonders in den achtziger Jahren sehr viele Yeziden nach Deutschland geflüchtet. Hier wurden sie nach einem sehr langwierigen Asylverfahren, nachdem sehr viele Gutachten erstellt wurden, als asylberechtigt anerkannt. Maßgeblich hat daran mitgewirkt Herr Prof. Dr. Dr.Wießner von der Gesellschaft für bedrohte Völker. Alle, die wissen, wie wenig Asylanträge in Deutschland anerkannt werden, können, denke ich, die Bedeutung dieser Anerkennung entsprechend würdigen.
Einige haben bereits die deutsche Staatsbürgerschaft, besonders Jugendliche streben die deutsche Staatsbürgerschaft an. Überwiegend besitzen die Yeziden einen festen Aufenthaltsstatus. Es gibt aber auch zahlreiche Yeziden, besonders aus den nicht-türkischen Herkunftsgebieten, die noch in Asylverfahren sind.
Die Zahl der Yeziden beträgt ca. 35.000 - 40.000 in Deutschland. Die Yeziden haben das Bestreben zusammenzuleben, weil sie auch nur in dieser größeren Zahl ihre Religion praktizieren können. Hauptsächlich verteilen sich die Yeziden auf die Bundesländer Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Die meisten Yeziden leben im Raum Hannover, ungefähr 3.000 Yeziden allein in der Stadt Celle und mindestens genauso viel in der Stadt Bielefeld. Die Zahl der im Stadtgebiet Oldenburg lebenden Yeziden beläuft sich auf ungefähr 1.300 Yeziden.
Welche Konflikte erleben die Yeziden in Deutschland?
Natürlich ist das Yezidentum, wie eigentlich jede andere Kultur aus dem Nahen Osten oder aus dem nicht-europäischen Bereich, hier mit besonderen Konflikten konfrontiert, die nicht spezifisch yezidisch sind, sondern es geht hier vielmehr um Kulturkonflikte. Ein Beispiel ist die Stellung der Familie. Bei den Yeziden oder allgemein Menschen aus dem Nahen Osten hat die Familie noch eine sehr große Bedeutung. In Deutschland müssen die Eltern begreifen, dass sie diese Stärke nicht mehr haben. Diese Konflikte setzen sich bei der Musik, dem Schulsystem und den unterschiedlichen Wertevorstellungen fort.
Es gibt aber auch religiöse Konflikte. Yeziden verfügen nicht über eine Tradition der schriftlichen und organisierten Religionsvermittlung wie im Christentum. Das Yezidentum wird mündlich überliefert, und schwierig ist es natürlich in einer Gesellschaft wie hier, wo das Zusammenleben zwischen den Yeziden längst nicht so gut ist wie in den Dörfern in der Heimat, diese Religion an die Jugendlichen weiterzugeben. Da liegt überhaupt das ganz große Problem. Die Jugendlichen haben Identifikationsprobleme, weil viele Eltern den Kindern die Religion nicht richtig vermitteln können. Auch die für diese Aufgaben bestimmten Geistlichen können nicht immer ausreichend ihre Aufgabe wahrnehmen. Zwar lernen die Jugendlichen die Traditionen und Bräuche der Yeziden kennen. Aber auch die theoretische Seite des Yezidentums ist ebenso wichtig für die Identitätsfindung und -bildung, und diese fehlt: Was stellt das Yezidentum inhaltlich, geschichtlich und theologisch dar?
Zum besseren Verständnis dieser Problematik ist es wichtig zu wissen, dass der Bildungsstand der Jugendlichen sehr oft deutlich besser ist als der Bildungsstand der Eltern. Viele Eltern haben nur bis zur 5. Klasse die Schule besuchen können. Besonders unter den Frauen gibt es eine hohe Analphabetenquote. Sehr oft wird die Religion nur über Verbote vermittelt. Es fehlt den Yeziden die kirchliche und religiöse Organisation wie bei den Christen. Prof. Dr. Dr. Wießner hat einmal bei der Beschreibung der Sitaution der Yeziden in Deutschland vom „tötenden Licht einer fremden Welt“ gesprochen. Das ist im Grunde genommen ein Bild, das Sie vor Augen haben müssen, wenn Sie die Konflikte der Yeziden verstehen wollen. Die Eltern haben die Sorge, dass sie jetzt, nachdem sie ja endlich die Möglichkeit haben, ihre Religion frei zu leben, Schwierigkeiten haben, die Religion an ihren Kinder weiterzugeben. Diese Problematik gibt es natürlich auch bei christlichen Eltern, aber längst nicht so extrem und existenziell wie bei den Yeziden.
Das Yezidentum erfüllt viele Voraussetzungen, um die yezidische Identität auch in einer europäischen Gesellschaft überlebensfähig zu machen. Nur die Yeziden müssen es erst einmal schaffen, hier funktionsfähige Gemeinden aufzubauen. Sie konkurrieren auch gegen andere, nicht religiöse Vorstellungen, mehr also Wertevorstellungen.
Ein weiteres Problem ist sicherlich auch die Heiratsregel. Ich erzählte Ihnen ja vorhin, dass es bei den Yeziden nur die Möglichkeit gibt, als Yezide geboren zu werden, und ein Yezide, der seine Religion bewahren will, muss sie innerhalb der Religion ausüben und auch seinen Lebenspartner innerhalb der Religionsgemeinschaft aussuchen. Das heißt also: Ein Yezide kann nur eine Yezidin heiraten - und umgekehrt. Ein weiterer Aspekt, der sehr oft nachgefragt wird: Wie sieht es aus mit der Stellung der Frau, führt das zu Konflikten? Ich möchte mit einem kurdischen Sprichwort entgegnen, das zumindest ein gewisses Selbstverständnis wiedergibt, nämlich: Der Löwe ist Löwe, egal ob Mann oder Frau. Religiös gesehen, gibt es keine Benachteiligung der yezidischen Frau. Eine Yezidin kann sich vom religiösen Verständnis her beruflich und weltlich frei entwickeln. Dennoch gibt es traditionelle Probleme. Die Gleichberechtigung der Frau ist noch nicht so hergestellt wie wir es wünschen. Aber auch die Gleichberechtigung der deutschen Frau lässt noch viele Wünsche offen. Denn ich denke, man darf die Gleichberechtigung nicht nur daran messen, dass die deutsche Frau einem Beruf nachgehen kann. Viel wichtiger wäre es ja mal zu schauen, wie viele Frauen entscheiden überhaupt in Deutschland. Das sind auch nur vielleicht fünf Prozent.
Ein weiteres Problem ist, dass es lange nicht gern gesehen war, dass die yezidischen Mädchen höherbildende Schulen besuchen. Das hat etwas mit der Erfahrung in der Heimat zu tun, weil es für Yeziden sehr schwierig war, in der Heimat eine höhere Schulen zu besuchen. Besonders für Mädchen bestand das Problem, dass fundamentalistische Moslems hartnäckig versuchten, diese Mädchen zu bekehren und in ihre Religionsgemeinschaft aufzunehmen. Aus dieser Angst heraus haben es auch in Deutschland viele Eltern versucht, ihren Töchtern diesen Weg zu versperren. Aber viele Eltern haben verstanden, dass diese Regel hier nicht fortgesetzt werden kann. Dazu hat sicherlich auch das Bewusstsein beigetragen, dass sie auch auf Dauer in Deutschland bleiben werden. Es gibt immer mehr Beispiele, dass yezidische Mädchen studieren - auch außerhalb des Elternhauses. Aber es ist immer noch nicht die Regel. Einige Mädchen müssen sich dieses Recht wirklich hart erkämpfen. Mit der Zeit lösen sich aber (hoffentlich) solche Probleme, und kein Yezide wird (hoffentlich) darin eine Verletzung der religiösen Ansichten sehen. Das heißt, diese Modernität steht nicht im Widerspruch zum Yezidentum. Sie muss nur erst einmal verstanden werden. Eine Generation muss etwas mehr leiden, und die nächste Generation wird es sicherlich einfacher haben.
Wie findet religiöses Leben in Deutschland statt?
Das religiöse Leben der Yeziden findet auch in Deutschland statt. Die Geistlichen nehmen ihre Aufgaben bei der Taufe wahr, besuchen die Familien, die religiösen Feiertage werden abgehalten und die Fastenzeiten weitestgehend eingehalten. Der Austausch zwischen den Yeziden funktioniert sehr gut. Wir haben sehr oft Hochzeiten, zu denen sehr viele Menschen zusammenkommen. Dieser soziale Austausch zwischen den Yeziden ist sehr wichtig. Hier lernen sich auch die Jugendliche kennen.
Sehr wichtig ist, und das ist der Schluss meines Vortrages, die Arbeit der Vereine. Die Yeziden haben begriffen, dass sie sich auch religiös organisieren müssen, um ihre Religion bewahren zu können. Man ist sich einig, dass es eine neue Form geben muss, diese Religion zu vermitteln. In Oldenburg wurde 1993 der yezidische Verein Kulturforum der yezidischen Glaubensgemeinschaft gegründet. Mittlerweile gibt es auch im gesamten Bundesgebiet yezidische Vereine. Zu den wichtigsten Aufgaben dieser Vereine gehört es, Räume zur Verfügung zu stellen, in denen die Yeziden sich treffen können. Yeziden sind nicht fundamentalistisch veranlagt, also nicht von der Vorstellung getrieben, sie müssten ständig Gebete rezitieren. Das Yezidentum ist mehr als nur eine Religionsgemeinschaft. Die Yeziden haben einen sehr ausgeprägten und viel weiter definierten Gemeinschaftssinn. In diesem Verein sollen sich die Menschen in erster Linie treffen. Es soll aber auch Religionsunterricht stattfinden, so dass die Jugendlichen vermittelt bekommen, was überhaupt das Yezidentum ist. Ich sagte es schon, dass die Eltern mit der Religionsvermittlung meistens überfordert sind. Eine weitere Vereinsarbeit ist die Herausgabe der Zeitschrift „Dengê Êzîdiyan“. Sie wird in deutscher, kurdischer und arabischer Sprache veröffentlicht. Der deutschsprachige Anteil beträgt 40 %. Des weiteren sind wir auch im Internet vertreten. Das gehört natürlich zu einem modernen Verein dazu, und nicht erst seit heute, sondern mittlerweile seit 1995. Wir haben eine auch eine eigene homepage: www.yeziden.de . Weitere Informationen über unseren Verein sind in unserer Kurzdarstellung enthalten, die ich Ihnen mitgeben werde.
Der Verein hat sein eigenes Zentrum in Oldenburg gebaut. Wir haben von der Stadt Oldenburg ein Erbbaurechtgrundstück bekommen. Und da wollen wir das machen, was ich Ihnen gerade erzählt habe und was in dieser Selbstdarstellung auch als Vereinsarbeit erläutert ist. Es ist das erste yezidische Zentrum, das außerhalb der Heimat gebaut wurde. „Stein auf Stein“ sage ich, und darauf sind wir auch stolz. Es ist aber auch ein Zeichen, dass wir hier bleiben werden und uns dieser Gesellschaft zugehörig fühlen.
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