Titel: Yeziden im heutigen Irak - Ein Leben zwischen den Fronten




Irene Dulz

Irene Dulz

 

Seit Anfang des vorigen Jahrzehnts steigt die Zahl der Flüchtlinge aus dem Irak, die in Europa Asyl suchen. Allein in der Zeit von Januar bis Juli 2000 stellten 5.767 irakische Staatsbürger in der Bundesrepublik Deutschland einen Asylantrag. Irakische Staatsbürger waren laut Angaben des Bundesamtes für die  Anerkennung ausländischer Flüchtlinge im Februar 2001 die größte Flüchtlingsgruppe, die in diesem Monat einen Asylantrag in Deutschland stellten.

 

Die Mehrzahl der irakischen Flüchtlinge sind Kurden, darunter eine verhältnismäßig hohe Zahl Yeziden.

 

Yezidische Bevölkerung im Irak

Yeziden machen schätzungsweise 1% der irakischen Bevölkerung aus. Seit 1991 ist die yezidische Gemeinschaft im Irak de facto zweigeteilt: 90% der irakischen Yeziden leben auf irakisch verwaltetem und nur etwa 10% auf kurdisch verwaltetem Gebiet.

 

Die größten yezidischen Siedlungsgebiete im Irak sind Jebel Sinjar und Sheikhan; beide sind dem irakischen Regime unterstellt. 75% der irakischen Yeziden sind im Jebel Sinjar ansässig, einer über 70 km langen Gebirgskette nahe der syrischen Grenze.

 

Von 1965 an vertrieb das irakische Regime sie aus ihren angestammten Dörfern und siedelte sie zwangsweise in leichter zu kontrollierende Modelldörfer um. Die Yeziden im Sheikhan wurden von 1975 an systematisch aus ihren Dörfern vertrieben und in ”Modelldörfer zwangsumgesiedelt.

 

Zwangsarabisierung der Yeziden

Yeziden werden von der irakischen Führung als Araber angesehen und einer zwangsweisen Arabisierung unterworfen. Nach Auffassung des irakischen Regimes stellt es einen Verrat der Yeziden dar, sich selbst als Kurden zu bezeichnen und sich der kurdischen Bewegung anzuschließen, wie Sabah Kunji, ein yezidischer Flüchtling aus dem Zentralirak, berichtet. Minderheitenrechte, die vielen anderen Kurden zugebilligt wurden, blieben Yeziden in der Regel verwehrt.

 

Ziel der irakischen Führung ist es, durch Zwangsassimilation ein einheitliches arabisch-irakisches Staatsvolk zu schaffen. Bei den Yeziden machte sie sich die bedeutende Stellung der yezidischen Würdenträger und ihre wichtige gesellschaftliche Funktion zu Nutze, indem sie diese in ihre Politik einband. Weiterhin versuchte sie, die geistlichen Ämter mit pro-irakischen Würdenträgern zu besetzen. Ende der 1970er Jahre kam es auf Druck des irakischen Regimes dazu, dass ein regimetreuer Baba Sheikh namens Sheikh Ilyas gewählt wurde, der bis 1995 sein Amt ausübte und die Yeziden als Araber bezeichnete. Mit dieser politisch weitreichenden Stellungnahme ging er konform mit der Linie der irakischen Führung (vgl. Dengê Êzîdiyan Ausgabe 5, 1996)

 

Auswirkungen der irakischen Bildungspolitik

Die zwangsweise Arabisierung der Yeziden kommt auch in der Bildungspolitik des irakischen Regimes zum Ausdruck und hat insofern große Auswirkungen, als ca. 90% der irakischen Yeziden außerhalb Irakisch-Kurdistans leben. Yezidische Kinder werden an staatlichen Schulen im Zentralirak nicht in ihrer kurdischen Muttersprache unterrichtet. Die Erteilung yezidischen Religionsunterrichtes an irakischen Schulen ist nicht erlaubt, weshalb die Religionsunterweisung yezidischer Kinder dort nur in einem privaten Rahmen erfolgen kann. “In Irakisch-Kurdistan wird yezidischer Religionsunterricht an den Grundschulen in Dörfern angeboten, in denen mehrheitlich Yeziden leben, wie beispielsweise in Derebin, altes Baadre, Khaneq und Sharya. Das Lehrbuch Ezidiyati wurde von dort tätigen yezidischen Lehrern konzipiert. In der Grundschule von Sharya werden 1.035 yezidische Kinder unterrichtet; sie erhalten in der 1. bis 4. Klasse drei und in der 5.bis 6. Klasse zwei Unterrichtsstunden wöchentlich in yezidischer Religion.

 

Keine Religionsfreiheit für Yeziden

Im Zentralirak ist es Yeziden nur in einem privaten und häuslichen Rahmen sowie einer lokalen Umgebung mit yezidischer Bevölkerungsmehrheit erlaubt, ihre Religion auszuüben, indem sie naheliegende Heiligengräber besuchen und innerhalb der Verwandtschaft oder Dorfgemeinschaft kleinere Feste feiern. Die Teilnahme an yezidischen Festen im Lalish-Tal wird den Yeziden, die außerhalb Irakisch-Kurdistans leben, erschwert oder teilweise auch unmöglich gemacht. Auch die Möglichkeit für Yeziden, Pilgerfahrten nach Lalish zu unternehmen, ist eingeschränkt.

 

Das Lalish-Tal ist für Yeziden der heiligste Ort auf Erden; mehrere Heiligtümer und Grabstätten sind dort ihren Heiligen gewidmet. Sheikh Adi, Reformer der yezidischen Religion und Gemeinschaft sowie einer der herausragendsten yezidischen Heiligen, wirkte dort im 12. Jahrhundert. Nach dem Aufstand der Kurden 1991 wurde das Tal bei den Verhandlungen zwischen der irakischen Führung und kurdischen Vertretern der kur_dischen Seite zugesprochen. KDP-Milizen bewachen seither das Tal. Es liegt in unmittelbarer Nähe der Demarkationszone, die Irak und Irakisch-Kurdistan trennt, einem Gebiet, in dem wiederholt verstärkte Truppenbewegungen irakischer Militärs beobachtet wurde.

 

Cejna Cimaiya, das Fest der Versammlung, findet alljährlich im Lalish-Tal vom 6.bis 13. Oktober statt. Mir Tahsin Beg, weltliches Oberhaupt der yezidischen Gemeinschaft, richtet jedes Jahr einen Bittbrief an die irakische Führung, um die Erlaubnis für den innerirakischen Grenz_übertritt möglichst vieler Yeziden aus dem Zentralirak e+inzuholen. Neben den religiösen Ereignissen ist es auch ein gesellschaftlicher Höhepunkt, zu dem Tausende anreisen.

 

Die Kuppeln der großen Heiligtümer sind mit Parin, einem Schmuck aus bunten Stoffbändern, dekoriert. Der Hauptweg, der durch das Tal führt, verwandelt sich an Festtagen in einen Markt, auf dem reges Treiben und Gedränge herrscht. Dieser Markt ist integraler Bestandteil des Cejna Cemayya und vor allem für weit Angereiste von Bedeutung. Es werden gekühlte Getränke, gegartes Fleisch, Gemüse, Obst, getrocknete und gesalzene Kerne sowie Spielzeug feilgeboten. Den Verwandten, die nicht am Fest teilnehmen konnten, wird gerne ein Souvenir vom Markt mitgebracht. Weiter ins Tal hinein, hinter den großen Heiligtümern, ist ein Jahrmarkt gelegen. Ausschließlich Männer nutzen die Angebote des Jahrmarktes, die Tischfußball, Billard, Glücksrad und spielerische Wettkämpfe umfassen. Ein Schießstand, bei dem es gilt, auf mit bunter Flüssigkeit gefüllte Plastiktüten zu zielen, zieht vor allem Jungen an. Am Ende des Jahrmarktes sind für Kinder Schaukeln und eine Schiffschaukel aufgestellt.

 

Am 6. Festtag findet am Vormittag Qebagh statt, die Schlachtung eines Kalbs im Sheikh Adi-Heiligtum. Aus dem Fleisch wird Sima, ein als heilig erachtetes und Segen bringendes Mahl, zubereitet. Nachmittags, am 11.10.2000, haben sich ca. 250 festlich gekleidete Sinjari-Yeziden auf dem Berg Erefat versammelt, um zu feiern. Die Frauen tragen knöchellange Röcke in kräftigen Farben. Getanzt wird zu Musik, die vier Gruppen von Qewals auf Def und Shibab spielen.

 

Cejna Cimaiya ist für Yeziden von zentraler Bedeutung, weil es für viele die einzige Möglichkeit darstellt, an yezidischen Zeremonien teilzunehmen, die religiösen Würdenträger kennenzulernen und mit Yeziden aus anderen Siedlungsgebieten in Kontakt zu kommen. Mir Tahsin Beg wird während des Festes viel diplomatisches Geschick abverlangt angesichts der Anliegen, die die verschiedenen yezidischen Gemeinden und Organisationen an ihn herantragen. Zum einen gilt es, zwischen verschiedenen Interessengruppen zu vermitteln und Streitigkeiten zu schlichten. Zum anderen ist er bemüht, alle Parteien zu berücksichtigen.

 

Partizipation oder Flucht?

Eine Reihe yezidischer Intellektueller trug nach 1991 dazu bei, die Belange der yezidischen Minderheit in Irakisch-Kurdistan an die Öffentlichkeit zu tragen. Dabei sind sie sich der Gratwanderung zwischen kultureller und religiöser Anerkennung und parteipolitischer Vereinnahmung im aktuellen politischen Diskurs bewusst.

 

Viele beschreiben die Möglichkeiten einer politischen und gesnellschaftlichen Partizipation außerhalb des politischen main streams, d.h. der offiziellen KDP- und PUK-Linie, als sehr eingeschränkt.

 

Unter den in Irakisch-Kurdistan lebenden Yeziden ist die Fluchtbereitschaft hoch. Die Abwanderung von Teilen der yezidischen Elite aus Irakisch-Kurdistan seit Anfang der 1990er Jahre hat weitreichende Konsequenzen: Sie können sich im Exil nur bedingt für die Belange der yezidischen Minderheit im Irak einsetzen.

 

Dieser brain drain sowie das mangelnde Interesse von Seiten der regierenden Parteien in Irakisch-Kurdistan, Minderheiten ihre Rechte zu garantieren, bewirkten nach anfänglichem Aufschwung eine Schwächung der Position der Yeziden innerhalb des irakisch-kurdischen Kontextes.

 

Literatur

Die Yeziden im Irak - Zwischen Modelldorf und Flucht

 

Studien zur Zeitgeschichte des Nahen Ostens und Nordafrikas Bd. 8

Im Irak leben ca. 150.000 Yeziden, v.a. in Sinjar und Sheikhan. 1965 begann das irakische Regime erstmals, diese Menschen systematisch aus ihren angestammten Dörfern zu vertreiben und in leichter zu kontrollierende Modelldörfer umzusiedeln. Die Eigenständigkeit der religiösen Minderheit und ihre ethnische Zugehörigkeit zu den Kurden nimmt das irakische Regime seit Jahrzehnten zum Anla, die Yeziden zwangsweise zu arabisieren. Diese Missachtung ihrer Grundrechte veranlasst irakische Yeziden zunehmend zur Flucht nach Europa.

Erscheint voraussichtlich im Januar/Februar 2002, ISBN 3-8258-5704-2

 

Kurzbiografie

Irene Dulz studierte an der Universität Hamburg Islamwissenschaft. Ihre Abschlussarbeit beschäftigt sich mit der Situation der irakischen Yeziden. Sie ist Mitarbeiterin der Flüchtlingsberatungsstelle des Diakonischen Werkes in Norderstedt und mit dem Themenschwerpunkt Naher und Mittlerer Osten befasst.

 

Kontakt

Flüchtlingsarbeit des Diakonischen Werkes des Kirchenkreises Niendorf, Schulweg 30
D-22844 Norderstedt.
Germany

E-Mail: irenedulz@aol.com



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