Behiye Acar
Obwohl der yezidische Glaube einer der ältesten Religionen der Welt ist, ist er wenig erforscht und vielen Menschen unbekannt. Es gibt nur wenige Überlieferungen bzw. Mitschriften, die Aufschluß über die Lehre, Traditionen und Lebensweise der Yeziden geben. Bis heute verfügen die Yeziden nicht über ein Buch, daß das Yezidentum allgemeinverbindlich und umfassend festlegt. Die Weitergabe der religiösen Lehre erfolgt daher bei den Yeziden im Gegensatz zu den anderen Weltreligionen mündlich. Da es keine Religionsschulen gibt, obliegt es allein den Eltern, ihre Kinder religiös zu unterweisen. Hierbei können die Eltern, diese Aufgabe nur bedingt erfüllen, da sie selbst meist nur über ein geringes religiöses Wissen verfügen.
Dies gilt insbesondere für die yezidischen Eltern, die in Deutschland leben. Hier liegt meines Erachtens eine wichtige Ursache dafür, daß die in Deutschland lebenden Jugendlichen sich teilweise nur schwer mit ihrer Religion bzw. Kultur identifizieren können. Demgegenüber steht die existentielle Angst der Eltern, daß ihre Kinder sich vom Yezidentum distanzieren und sie diese in der Konkurrenz zur westlichen Lebensanschauung verlieren. Diese Angst schlägt sich auch in den Erziehungsmethoden der Eltern nieder. Vor diesem Hintergrund möchte ich kurz auf die Situation der in Deutschland lebenden yezidischen Mädchen eingehen.
Wie bei den anderen Religionen bzw. Kulturen des Nahen Ostens ist auch in der yezidischen Gesellschaft das männliche Geschlecht dem weiblichen Geschlecht bessergestellt. Ein Grund hierfür ist, daß der Junge dazu bestimmt ist, den Namen der Familie weiterzugeben. Das Mädchen jedoch gehört nach ihrer Heirat der Familie ihres Mannes an. Dementsprechend wurde das Mädchen auch erzogen. Es wurde auf ihre Tätigkeit als zukünftige Hausfrau und Mutter vorbereitet und somit in ihrer Lebensführung stark eingeschränkt. Bereiche wie Bildung oder Freizeit galten für Mädchen als unzulässig. Die Mehrheit der jungen Mädchen wurden schon im Kindesalter versprochen oder bzw. und der Zwangsheirat ausgesetzt. Das Leben und die Zukunft der Mädchen wurde konsequent von ihren Eltern bestimmt.
Auch heute ist eine Benachteiligung der Mädchen festzustellen. In den letzten Jahren ist jedoch eine positive Entwicklung zu erkennen: Die Bereitschaft, auch Mädchen bzw. Frauen die Chance zu geben, ihre Zukunft weitestgehend eigenverantwortlich zu gestalten, wird von den Eltern nach einer Zeit der Lernphase, in der erkannt werden mußte, daß gewisse Erziehungsmethoden überholt sind, zunehmend toleriert. Viele Mädchen bzw. Frauen sind heutzutage in einer Ausbildung oder studieren - ganz zum Stolz ihrer Eltern. Auch das Problem der Zwangsheiraten, befindet sich in Auflösung: Gescheiterte Zwangsehen und Austritte aus der yezidischen Religionsgemeinschaft haben die Eltern zum Umdenken veranlaßt. Ich appelliere an die Eltern der yezidischen Gesellschaft, ihren Kindern den Glauben offen und ohne Ausübung von Zwang zu vermitteln.
In diesem Zusammenhang ist es wichtig, daß die Eltern Verständnis für den Kulturkonflikt ihrer Kinder aufbringen.
Gegenseitige Toleranz von Jung und Alt ist gefordert. Deshalb mein Appell auch an die Jugendlichen: Probleme, die in der yezidischen Gesellschaft bei Jugendlichen entstehen, sollten nicht immer auf die Religion zurückgeführt und ihr angelastet werden. Das Yezidentum ist eine lebenswerte und auf den Menschen ausgerichtete Religion, die den Angehörigen mit der Ausnahme gewisser Rahmenbedingungen viele Freiheiten erhält. Das Yezidentum sieht eine religiöse Gleichberechtigung von Mann und Frau vor. Wichtig ist, daß man versucht, die Probleme zu diskutieren und gemeinsam nach vernünftigen Lösungen sucht. Sicherlich sind auch Reformen hiermit impliziert.
Zur Autorin
Behiye Acar ist Dipl. Ökonomin
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Dieser Artikel erschien erstmalig in der Print-Ausgabe der Dengê Êzîdiyan, Nr. 6+7 in 1997  |