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  Stellungnahme zur Sitaution der Yeziden in Nordostsyrien

Stand der Asylverfahren von Yeziden aus Syrien

Syrischen Yeziden im Spannungsfeld von Ethnizität und Religion
 


 

 

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Syrischen Yeziden im Spannungsfeld von Ethnizität und Religion



Dr. Sebastian Maisel

Dr. Sebastian Maisel

 

Das Yezidentum stellt in Syrien eine kleine Minderheit dar. Die Zahl ihrer Anhänger übersteigt nicht die 15000. Die schwache Position wird durch die Aufsplitterung ihres Siedlungsraumes in mehrere Teilgebiete verfestigt. Zwischen diesen einzelnen Gruppen gibt es keinen dauerhaften Kontakt und nur mangelhafte Kommunikation. Gründe dafür sind die unterschiedlichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen der einzelnen Gruppen. Die Yeziden im Gebiet von ´Afrîn und ´Azâz sind sozial in ihren kurdischen Umfeld integriert. Während ihrer langen Siedlungsgeschichte haben sie sich einen festen Platz in der dortigen Bevölkerungsstruktur geschaffen. Desweiteren bietet ihnen ihr Lebensraum gute natürliche Ausgangsbedinungen, die die Grundlage für hohen landwirtschaftlichen Ertrag bilden. Ökonomisch gesehen ist ihr Lebensunterhalt gesichert und sie leben auf einem vergleichsweise höheren Niveau als die ostsyrischen Yeziden. Diese sehen sich wesentlich größeren Problemen gegenüber. In politischer Hinsicht ist der Status vieler dortiger Yeziden nicht geklärt, da sie als Flüchtlinge oder Ausländer im eigenen Land gelten und daher keine staatsbürgerlichen Rechte beanspruchen können. Die länderübergreifenden Flüchtlingsbewegungen halten bis in die neunziger Jahre an und führen zu einer weiteren Destabilisierung der dortigen Gemeinden und Sozialstrukturen.

 

In religiöser Hinsicht muß man dagegen von einer Gruppenverfolgung der Yeziden durch die muslimischen Nachbarn und Staatsorgane sprechen. Diese beruht in erster Linie auf religiösen Vorurteilen und äußert sich in materiellen Schäden, Gewaltanwendung und psychischer Einschüchterung.

 

Die Yeziden als schwächstes Glied der Bevölkerungskette können sich dagegen nicht wehren und ihnen bleibt als Ausweg meist nur die Abwanderung. Bevorzugtes Ziel ist dabei Deutschland, da sie hier intakte Gemeindestrukturen vorfinden, die sich aufgrund des hohen Anteils von Geistlichen unter den Emigranten herausbilden konnten. Von staatlich syrischer Seite werden keine Anstrengungen zum Schutz der Yeziden unternommen. Vielmehr werden die Übergriffe durch Nichtahndung bzw. Nichtverfolgung toleriert. Für die syrisch-arabische Seite wird damit gleichzeitig ein Teil ihres "Kurdenproblems" quasi von selbst erledigt, da unter den Tätern auch muslimische Kurden zu finden sind.

 

Durch die Aktivitäten der iraqischen Yeziden im Kulturzentrum Lalishš und dessen Ausstrahlung auf alle Yezidengemeinden erhielten sie einen neuen Ansporn, sich mit ihrer eigenen Geschichte und Religion auseinanderzusetzen. Im Gegensatz zu den Gemeinden in Ostsyrien und den vereinzelten yezidischen Familien in den syrischen Großstädten wie Damaskus, Aleppo oder Hamah sind noch für die Yeziden im Gabal al-Akrâd die Auswirkungen der doppelten Benachteiligung weniger sichtbar. Besonders für das von mir gewählte Beispielland Syrien gilt die von mir aufgestellte These der doppelten Minderheit und Unterdrückung der Yeziden.

 

Das Yezidentum sieht sich selbst als eine exklusive Minderheit, die an ihren religiösen und gesellschaftlichen Besonderheiten trotz jahrhundertelanger Verfolgung und Anfeindung fetgehalten hat.

 

Ihre religiöse Identität diente ihnen als Abgrenzung und Stütze. Angesichts der jüngsten nationalen Entwicklungen und Umbrüche auch in der kurdischen Ethnie hat gerade die Frage einer kollektiven Identität und eines damit verbundenen Gruppenbewußtseins an Aktualität gewonnen. Die Suche nach einem kollektiven Selbst, kultureller Authentizität bzw. einer gemeinschaftlichen Lebensform ist für die Yeziden noch nicht abgeschlossen. Zu vielfältig sind die regionalen Entwicklungen und Diskussionen um Abstammung, Herkunft und Einordnung der Gemeinschaft.

 

Mit der vorsichtigen Öffnung der Gemeinschaft nach außen begannen sich die Yeziden selbst zu ihren Vorstellungen zu äußern. Die Öffnung war notwendig, angesichts des Druckes von außen durch die Auseinandersetzung mit Staatsapparaten und anderen religiösen Dogmen, aber auch durch Druck aus dem Inneren der Gemeinschaft. Mit den sozialen Umwälzungen in den meisten Yezidengebieten trat eine Schicht junger gebildeter Yeziden hervor, die von sich aus für eine Revitalisierung des Yezidentums eintrat. Diese Belebung rettete das stark angeschlagene und zerrüttete traditionelle Gefüge durch eine offene Diskussion über religiöse, soziale und politische Probleme. Die dafür notwendige Verständigung innerhalb der Gemeinschaft erfolgte über moderne Wege der Kommunikation und Organisation. Durch Vereine, Zentren, öffentliche gemeinsame Feiern und die publizistische Öffentlichkeitsarbeit gelang es, die yezidische Identität wieder stärker hervorzuheben und zu verbreiten. Dies ging einher mit der vermehrten Akzeptanz durch andere kurdische Gruppen.

 

Als Zielsetzung läßt sich eine Tendenz erkennen, die die Rückbesinnung auf die traditionellen Glaubens- und Lebensformen fördert, aber dennoch Veränderungen in einigen Aspekten für notwendig erachtet. Die Vertreter solcher Auffassungen, meist zu den jüngeren Yeziden gehörend, entwickeln sich innerhalb der Gemeinschaft zu einer neuen "Klasse": Sie entstammen meist der Klasse der Laien, haben aber ihre Bildung von außerhalb bezogen. Sie fühlen sich an die alte Struktur nicht mehr so stark gebunden.

 

Obwohl sie sich vor allem mit religiösen Fragen beschäftigen, sind sie nicht als Geistliche legitimiert. Die traditionelle Führungsschicht hat dagegen viel von ihrer früheren Position eingebüßt und ebenso viel Einfluß in den alten Siedlungsgebieten verloren. Nur wenigen ist es gelungen, sich den Reihen der Neuerer anzuschließen und die aktuellen Probleme, z. B. zur Stellung im Kurdenkonflikt und der Zoroastrierfrage mitzudiskutieren. Meist werden sie nur noch mit der Ausrichtung der traditionellen Rituale betraut. Im Exil haben sie sich dagegen ihre Stellung bewahren können.

 

Die yezidische Identität beginnt sich neu zu bestimmen. Dies geschieht, in dem sie ein Bild von der Vergangenheit der Gemeinschaft konstruiert, das die historischen Verhältnisse so darstellt, wie sie es selbst erschließt.

 

Gültigkeit hat diese Aussage besonders für die Fragen des kurdischen Ursprungs, d. h. den geglaubten Verbindungen zu den Medern, und der Ansicht der Yeziden, als ursprüngliche Religion aller Kurden zu gelten. Das eigentliche Anliegen ist es, die verschiedenen Gruppen zu einer wahren Gemeinschaft zusammenzubringen, die bisher nur lose über das Bewußtsein gemeinsamer religiöser Ansichten und das gemeinsame Schicksal der Verfolgung verbunden war. Die verschiedenen Herkunftstraditionen und Gruppenendogamien grenzten diese Gruppen bisher voneinander ab. Ein Prozeß mit dem Ziel einer Wir-Gruppen-Bildung, der durchaus mit einer Ethnizitätsbewegung verglichen werden kann, ist festzustellen. Außerdem wird sich in nächster Zeit durch die Verbreitung des Schrifttums, der Kassetten usw. insgesamt gesehen eine Vereinheitlichung der Glaubensnormen durchsetzen. Da diese Literatur auch bei den einzelnen Gruppen bekannt und im Umlauf ist, besteht zumindest in diesem Punkt Optimismus. Ein besonderer Augenmerk wird dabei auf historische Betrachtungen gelegt, da sich ethnische und nationale Wir-Gruppen-Prozesse in der Regel aus der Konstruktion einer gemeinsamen Vergangenheit ableiten. Die daraus entstehende kollektive Identität muß sich dann aber wiederum die Frage nach ihrer Stellung zum übergeordneten Prozeß des kurdischen Nationalismus stellen. An dieser Frage vollzieht sich innerhalb der Gemeinschaft eine Spaltung: Einerseits gibt es die Gruppe, die mehr die religiöse Erneuerung und Fragen der Riten und Zeremonien in den Vordergrund ihrer Identitätsfindung stellen, andererseits die Gruppe, die sich als kurdische Yeziden dem Kampf um die nationalen Rechte ihrer Ethnie verpflichtet fühlen. Dieser, im allgemeinen bei Minderheiten häufig zu beobachtende Separatismus, läßt sich besonders bei den im Exil lebenden Yeziden feststellen. Die Auswirkungen dieser Probleme liegen auf einem Gebiet eventueller zukünftiger Forschungen. Die praktischen Gegebenheiten lassen ein wesentlich differenzierteres Bild erkennen.

 

Einige ihrer Gemeinden müssen um ihr Fortbestehen im nächsten Jahrzehnt bangen. Dies betrifft hauptsächlich die türkischen und ostsyrischen Gruppen. Den Status einer Minderheit, anerkannt oder nicht, haben sie in allen Gebieten. Um den unterschiedlichen Grad der Unterdrückung als doppelte Minderheit abzuschwächen, bedarf es der Entwicklung eines Zusammengehörigkeits- und Solidaritätsgefühls innerhalb der Gemeinschaft.

 

Anmerkung

Der Verfasser veröffentlicht hier die Zusammenfassung seiner Magisterarbeit, die im Juni 1997 an der Universität Leipzig eingereicht wurde. Eventuelle Unklarheiten, sowie fehlende Einzelheiten erklären sich aus der isolierten Stellung des Artikels.

 

Zum Autor

Dr. Sebastian Maisel
E-mail: wasesha@hotmail.com

 

Der Artikel erschien erstmalig in der Print-Ausgabe der Dengê Êzîdiyan, Nr. 6+7 in 1997


 

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