Gemeinsame Erklärung der yezidischen Vereine in Deutschland zur Negativ-Kampagne
15. Januar 2003
Gemeinsame Erklärung der yezidischen Vereine in Deutschland
Zu den Berichten in MDR-Fakt, Spiegel (2/03) und ZDF-aspekte
In zwei Fernsehbeiträgen und einem Bericht im Spiegel sind die Yeziden in Deutschland als grausame, mordbereite und mafia-ähnlich organisierte Gruppierung dargestellt worden.
Ein im MDR (Fakt) gesendeter Beitrag wurde im Internet mit folgendem Vorspann präsentiert: „Die Yeziden - Eine kleine türkische Minderheit schottet sich in der Bundesrepublik ab. Wer die Gemeinschaft verlassen will, wird ermordet. Grausame Taten, die bislang nicht in die Öffentlichkeit gelangten.“ Nach einer Strafanzeige wegen Volksverhetzung wurde dieser Vorspann entfernt.
Im Spiegel 2/03 erschien ein Bericht unter dem Titel „Jagd auf Sükrüya“. Darin wird pauschal behauptet, dass „Sippen“ und „Clans“ mit ihren „Clanchefs“ quer durch Europa „Hatz auf abtrünnige Mädchen“ machen. Suggeriert wird das Klischee einer grausamen, straff organisierten Clique, die mit „Kopfgeld“ ihre Töchter jagen lässt. Auch die Blutrache wird als typisch für Yeziden dargestellt. Im ZDF (aspekte) folgte am 10. Januar dieses Jahres ein Beitrag, der im Internet als Bericht über die „tödliche Religion“ der Yeziden angekündigt wurde. Der Verfasser des MDR-Berichts ist einer der beiden Autoren.
Spiegel und ZDF beziehen sich auf den Fall eines Mädchens aus Celle, das im Alter von 16 Jahren sein Elternhaus verließ und nach eigenen Angaben aus Angst vor Schlägen mit dem damaligen Freund und heutigem Verlobten, einem Pakistaner, versteckt lebt. Im ZDF kommt Sükrüya E. selbst zu Wort. Dazwischen werden Bilder eines Ermordeten gezeigt, der Opfer von Blutrache unter Yeziden gewesen sein soll.
Machart und Wortwahl der Berichte drängen den Verdacht einer gezielten Diffamierung auf. Einzelfälle werden benutzt, um die Yeziden unter Pauschalverdacht zu stellen.
Die Berichte enthalten keine ernsthaften Hintergrundinformationen über die yezidische Religion, die in Deutschland kaum bekannt ist. Darum möchten wir im Folgenden einige Aspekte kurz schildern und zu den in den Berichten aufgeworfenen Punkten Stellung nehmen:
Verurteilung von Gewalt Wir, die Unterzeichner, verurteilen Gewalt grundsätzlich und auch in Fällen, in denen sich yezidische Söhne oder Töchter mit andersgläubigen Partnern verbinden. Die yezidische Religion legitimiert Gewalt in keiner Weise. Es gibt keine religiöse Rechtfertigung, wenn – wie in Einzelfällen geschehen – Gewalt gegen Mädchen angewandt wird.
Wer sind die Yeziden? Die Ursprünge der Religion reichen bis 2000 Jahre vor Christus in die Zeit des Mithraismus zurück. Die kurdischen Yeziden sind also keine Sekte. Fanatische Moslems sehen die Yeziden als „Unreine“ an, was über Jahrhunderte zu Verfolgung, Pogromen, Frauenraub und Zwangsislamisierung geführt hat. Die Yeziden aus der Türkei sind nach Westeuropa geflohen, überwiegend nach Deutschland. Sie wurden hier seit 1993 durchgängig als asylberechtigt anerkannt. Nicht mehr anerkannt werden Yeziden aus Syrien, Armenien und Georgien. Dorthin werden Yeziden trotz heftiger Proteste von Menschenrechtsorganisationen auch abgeschoben. Im Irak lebt eine größere Gruppe von Yeziden unter schwierigen Umständen. Die vom Spiegel zitierte Befürchtung eines Celler Beamten, bei einem Krieg gegen den Irak würden „Tausende“ nach Deutschland „strömen“, passt zum Horror-Szenario, aber nicht zur Realität.
Die Berichte stellen die yezidische Religion als eine „archaische“ Religion mit mittelalterlichen Denkweisen dar. Das trifft nicht zu. Als eine der ältesten monotheistischen Religionen, die von der Allmacht eines Gottes ausgeht, ist sie tolerant, friedliebend und frei von Fanatismus. Gerade die weit fortgeschrittene Integration in Deutschland zeigt die Vereinbarkeit der Religion mit modernen Lebensweisen.
Es gibt keine schriftlichen Überlieferungen in der Art der Bibel, sondern nur wenige Schriftstücke, eine Folge der Unterdrückung und Verdrängung der Yeziden in ihrer Geschichte. In den letzten Jahrzehnten sind jedoch zahlreiche wissenschaftliche Publikationen über das Yezidentum erschienen und religiöse Texte niedergeschrieben worden. Die yezidischen Vereine bemühen sich darum, das Wissen über die Religion, ihre Geschichte und die mythischen Erzählungen zu vertiefen und zu verbreitern. In den Familien ist die Religion lebendig. Das drückt sich in gemeinsamen Feiern, Fastentagen, gegenseitigen Besuchen zu bestimmten Festtagen und Familienereignissen aus.
Heiratsregeln Der yezidischen Religion fehlt die aggressive Komponente des Bekehrens mit Feuer und Schwert, wie sie aus anderen Religionen bekannt ist. In der Abwehr-Situation gegenüber dem fanatischen Islam entstand das zwingende Gebot, keinen Andersgläubigen zu heiraten. Es handelt sich also bei der Heiratsregel nicht um irgendeine Überheblichkeit oder gar rassistische Hybris, sondern um einen historisch entstandenen Schutzmechanismus, der in der Verfolgungssituation den Zusammenhalt und die Solidarität stärkte. Deshalb ist diese Regel in der Gemeinschaft stark verankert. Sie ist aber keineswegs etwa die religiöse Kernaussage.
Toleranzverständnis bei den Yeziden Die Heiratsregel schließt es aus, dass Yeziden missionarisch tätig werden und Angehörige anderer Religionen bekehren. Einen religiösen Fanatismus, der von der Überlegenheit einer Religion ausgeht, gibt es bei uns nicht. Wir respektieren andere Religionen und grenzen uns von deren Angehörigen nicht ab. Einer unserer Grundsätze lässt sich so zusammenfassen: Ein Yezide kann ein guter Mensch sein, aber um ein guter Mensch zu sein, muss man nicht Yezide sein. Die Yeziden haben während der Zeit der Armenierverfolgung in der Türkei (1914-1917) Tausende von Christen unter Einsatz ihres eigenen Lebens vor dem sicheren Tod gerettet.
Wir praktizieren keineswegs eine Geheimreligion, wie oft behauptet wird. Wir mussten vielmehr aufgrund der Verfolgung die Religion häufig im Geheimen ausüben. Wir kapseln uns nicht ab, sondern fühlen uns als Mitglieder der deutschen Gesellschaft, zu der wir auch rein persönlich weitreichende Bezüge haben. Der emotionale Bezug zu den Herkunfts- bzw. Verfolgungsländern ist begreiflicherweise gering. Unsere junge Generation, die zunehmend die deutsche Staatsbürgerschaft erwirbt, was nicht einfach ist, steht dem Umfeld im Erfolg an Schulen, Hochschulen und im Beruf sicher nicht nach. Unsere Probleme diskutieren wir offen, so auch seit einigen Jahren im Internet unter www.yeziden.de.
Kulturelle Eigenheit sehen wir als Chance für eine Bereicherung an. Hochkulturen haben sich stets dann entwickelt, wenn unterschiedliche Kulturen und Religionen zusammentrafen und ein Klima des gegenseitigen Respektes und der Toleranz herrschte. Toleranz gilt für uns auch in politischen Fragen. Anders als in den Berichten dargestellt, gibt es unter Yeziden keine einheitliche politische Ausrichtung. Zwangsheirat In der Religion gibt es keine Inhalte, aus denen sich eine von den Eltern vorbestimmte Eheschließung herleiten lässt. In der Zeremonie der Eheschließung soll vielmehr dreimal das Einverständnis der Partner abgefragt werden. Die Zwangsehe ist kein spezifisches Problem der Yeziden, sondern ein Problem der Herkunftsregion. Dort ist die Tradition verbreitet, innerhalb der Familienverbände zu heiraten, so wie es in früheren Zeiten und teilweise bis heute in bestimmten Schichten der europäischen Bevölkerung üblich war und ist. Von dieser wenig hilfreichen Tradition haben sich die Yeziden weitgehend gelöst. Der Zwang gegenüber den eigenen Kindern steht im Gegensatz zu den Grundsätzen, die gerade wir als Menschen schätzen, die oft selbst noch Unterdrückung erfahren haben. Es wird auch gesehen, dass gerade dieser Zwang Anlass sein kann, sich vom yezidischen Glauben abzuwenden.
Stellung der Frau Die Religion enthält keine Elemente, die eine Benachteiligung oder Diskriminierung der Frau rechtfertigen können. Auch im täglichen Leben ist die Frau nicht zurückgesetzt. Bei der älteren Generation herrscht das traditionelle Rollenverständnis vor. Die jüngere Generation unterscheidet sich in dieser Hinsicht nicht mehr vom gesellschaftlichen Umfeld.
Blutrache Die oft jahrhundertelangen Fehden zwischen Familienverbänden, die jeweils einen Anfangs-Mord oder eine Ehrverletzung rächen sollen, die dem Gegner zugeschrieben wird, sind zwischen Sizilien und dem Fernen Osten verbreitet. Einen Bezug zur yezidischen Religion gibt es nicht. Es hat Fälle von Blutrache bis in die jüngste Zeit unter Yeziden gegeben. Die übergroße Mehrheit verurteilt solche Taten.
Die Vorstellung, die Yeziden seien in „Sippen“ oder „Clans“ mit straffer Organisation und einem „Clanchef“ mit Befehlsgewalt organisiert, hat mit der Realität nichts zu tun. Es gibt Familienverbände, deren Zusammenhalt traditionell und nicht zuletzt aufgrund der Verfolgung meist gut entwickelt ist. Die Diskussionsstruktur ist jedoch demokratisch: Es gibt Respekt vor den Älteren und Erfahrenen, aber keine Unterwürfigkeit.
Folgen der Berichte Wir gehen davon aus, dass auch andere Medien das Thema aufgreifen und womöglich in gleicher Weise abhandeln werden. Die Folgen sind bereits spürbar: Yeziden berichten uns, dass sie auf Arbeitsstellen, in Schulen und in der Nachbarschaft Vorwürfen und Diskriminierungen ausgesetzt sind und sich nicht mehr trauen, sich zu ihrer Religion zu bekennen. Wir haben E-Mails mit Beschimpfungen und rassistischem Inhalt erhalten.
Unsere Versuche, bei den Autoren Verständnis und eine differenzierte Sicht zu erreichen, waren trotz umfangreicher schriftlicher Darlegungen, zum Teil vor den Berichten, gescheitert.
Als religiöse Minderheit, die schwersten Verfolgungen von religiösen Fanatikern ausgesetzt war und in einigen Ländern noch ist, haben wir in Deutschland eine Zeit der Religionsfreiheit erlebt, für die wir dankbar sind. Wir hatten begonnen, uns dort, wo wir stehen – an Schulen, Hochschulen, in Lehre und Beruf – der deutschen Gesellschaft zugehörig zu fühlen. Nicht zuletzt die neu gegründeten yezidischen Vereine haben die Integration gefördert und Präventionsarbeit unter den Jugendlichen betrieben. Jetzt müssen wir befürchten, dass uns diese Perspektive genommen wird und wir auch in diesem Land ausgegrenzt und diskriminiert werden.
Getroffen werden aber nicht nur die rund 40 000 Yeziden. Vielmehr wird das Zerrbild der nicht integrationswilligen und bedrohlichen Ausländer in vielem Köpfen bestärkt. Ausländerfeindliche Haltungen und Bestrebungen erhalten eine Schein-Legitimation, zumal die Fernsehsender und der Spiegel als seriös angesehen werden.
Von deutschen Institutionen, Politikern und Persönlichkeiten erfuhren wir in den letzten Tagen, dass die Art dieser Berichterstattung auf Unverständnis und Protest stößt. Das lässt uns hoffen. Wir glauben nicht daran, dass die genannten Medien ausländerfeindlich eingestellt sind. Unsere Kritik richtet sich gegen die Verantwortlichen für solche Beiträge.
Konsequenzen Wir werden die presserechtlichen Aspekte überprüfen lassen. In den Richtlinien des Deutschen Presserates ist unter Ziffer 10 nachzulesen: „Veröffentlichungen in Wort und Bild, die das sittliche oder religiöse Empfinden einer Personengruppe nach Form und Inhalt wesentlich verletzen können, sind mit der Verantwortung der Presse nicht zu vereinbaren." Gegen diese Regel wurde offensichtlich verstoßen.
Wir bitten alle Menschen, insbesondere die politisch Verantwortlichen, demokratisch dieser für das Land insgesamt negativen Tendenz entgegenzutreten, sofern ihnen das möglich ist.
Die yezidischen Vereine in Deutschland Yezidisches Forum e.V. (Oldenburg) / Gemeinde der Yeziden e.V. (Bergen) / Ezidenzentrum im Ausland e.V. (Hannover) / Förderation yezidischer Kurden e.V. (Celle, Bielefeld, Emmerich, Peine) / Verein der Eziden am unteren Niederrhein e.V (Kleve) / Plattform ezidischer Celler (Celle) / Jesidischer Kulturverein (Detmold)

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