Historische traumatische Ereignisse und deren Einfluß auf die nachfolgenden Generationen
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 Kizilhans yezidischer Roman
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Dr. Ilhan Kizilhan
Die Erforschung von traumatischen Ereignissen und deren Einfluß auf die nachfolgende Generationen hat eigenartige Ergebnisse. Immer wieder gibt es Phasen der Amnesie, also des Vergessens, oder des Verleugnens- je nachdem, ob man Opfer oder Täter ist. In den letzten zweihundert Jahren haben die Yeziden eine Reihe von traumatischen Ereignissen erlebt, die man durchaus als Genozid oder ethnische Säuberung im Mittleren Osten bewerten kann. Ein solches Thema wirkt stetes provozierend, es führt unvermeidlich zum Streit und wird daher oft tabuisiert - und zwar bemerkenswerterweise sowohl von den Tätern als auch von den Opfern. Die Gründe sind natürlich unterschiedlich:
Um sich der Verantwortung für die Verbrechen an die Yeziden zu entziehen, fördern die beteiligten Staaten, die kurdischen, persischen und arabischen Stämme und die politischen Organisationen auf jede mögliche Weise das Vergessen. Sie versuchen, die Ereignisse geheim zu halten. Sollte dies nicht möglich sein, dann werden die Yeziden angegriffen, in der Öffentlichkeit als unglaubwürdig dargestellt und ausgegrenzt. Den Forscher konfrontiert dieses Thema mit der Verwundbarkeit des Menschen in seiner natürlichen Umwelt und mit der Fähigkeit zur Grausamkeit als Teil der menschlichen Natur. Wer über traumatische Ereignisse historisch oder aktuell etwas erfahren möchte, muß sich mit furchtbaren Exzessen auseinandersetzen.
Da die Yeziden über keine staatliche, halbstaatliche oder funktionierende Organisationen verfügten, die bestimmen Zeitabschnitten zugeordnet werden könnten, ist das kollektive Gedächtnis mit einer Reihe von „floating Gaps“, mit Lücken für die nachfolgende Generation, geblieben. Erhalten ist aber das Wissen um die grausamen Ereignisse durch Weitergabe von einer Generation zur nächsten. Aber auch heute kann von keiner Verarbeitung bzw. Thematisierung dieses Themas gesprochen werden.
Deshalb gehe ich davon aus, dass die historischen traumatischen Ereignisse der Yeziden zwar weitergeben, aber nicht verarbeitet worden sind. Dies drückt sich nach außen in der negativen Haltung und der Angst gegenüber dem türkischen Staat, dem Islam und den kurdischen Schwestern und Brüdern aus, die an diesen Genoziden direkt oder indirekt beteiligt waren. Psychisch sind diese Ereignisse bei vielen Yeziden seit ihrer Kindheit ein zum Teil tabuiertes, verdrängtes Thema, das unterbewußt auf die Herausbildung der Identität und des Selbstbewußtseins Einfluß hat.
Verschiedene Untersuchungen zu Traumata bei Völkermord (z.B. bei den Armeniern, Dabag 1994) zeigen, dass nachfolgende Generation von den schrecklichen Ereignissen in der Vergangenheit auch in der heutigen Zeit beeinflußt werden und gerade ihr soziales Umfeld für ein Gefühl der Sicherheit sorgen kann. Am wirksamsten sind die Bindung an Tradition, Familie und das soziale Umfeld.
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In verschiedenen Untersuchungen, werden u.a. folgende Reaktionstypen bei Opfern von Genoziden und der nachfolgenden Generationen unterschieden: (1) die teils bewußte, teils unbewußte Unterdrückung der Erinnerung, auch aufgrund von Schuld- und Schamgefühlen; (2) sodann die Rationalisierung der Ereignisse, etwa die Suche nach politischen Erklärungen oder einem religiösen Sinn; (3) Resignation, d.h. Gefühle von Ohnmacht und Trauer, verbunden mit dem Verlust des Weltvertrauens, einem Verzweifeln an der moralischen Welt; (4) Aussöhnung mit der Vergangenheit, (5) ein Gefühl, dass die Wunden verheilen - oder jedenfalls längst verheilt sein könnten, würde das Ereignis selbst nicht nach wie vor von der Seite der Verursacher immer noch verleugnet; (6) Zorn und Verbitterung über das erlittene Unrecht, aus denen schließlich auch der Wunsch nach Vergeltung hervorgehen kann. Es sollte hervorgehoben werden, dass in jeder Person verschiedene, auch widersprüchliche Reaktionsformen und Motive zusammenwirken. Die individuelle Gewichtung der verschiedenen Komponenten hängt vom Einzelschicksal während der erlebten grausamen Ereignisse und vom Verlauf der Lebensgeschichte ab. Zunächst begünstigen die Sorge und der Kampf ums Überleben die oft ruhelose Suche nach einem geeigneten Zufluchtsort und der Aufbau einer sozialen Existenz die Verdrängung der Erlebnisse. Erst später drängen die Erinnerungen unabweisbar ins Bewußtsein.
Eine andere Form der Untersuchung entspringt dem psychiatrischen Kontext. Die Menschen, die wegen psychischer Probleme aufgrund von Flucht und Massakern um psychiatrische bzw. psychotherapeutische Hilfe nachsuchten, entsprechen weitgehend den Symptomen von Überlebenden des nationalsozialistischen Völkermordes. Hierzu liegen umfangreiche Untersuchungen vor.
Ludwig Binswanger beschreibt in einem Fall, in dem Aphonie (Sprechunfähigkeit) als traumatisch bedingte, unbewußte Kommunikationsverweigerung auftrat. Dieses Beispiel wirft auch ein Licht auf jenes Phänomen, das zu den häufigsten Reaktionen yezidischer Überlebender gehört: In ihrem Schweigen über die traumatischen Ereignisse drückt sich nicht nur die Unfähigkeit aus, für diese Ereignisse eine sprachliche Form zu finden, sondern ein Rückzug von der sozialen Welt überhaupt. Die Isolierung und Zurück_gezogenheit der yezidischen Gemeinschaft in ihren Dörfern und Enklaven kann auch u.a. unter diesem Aspekt betrachtet werden. Diese Isolierung und Zurückgezogenheit verstärkte vermutlich die traumatischen Ereignisse und führt zur Aufrechterhaltung, die die zukünftige Generation stark beeinflusste. Erst in den letzten zwanzig Jahren entsteht eine vorsichtige Kommunikation über die Grenzen hinaus zu der eigenen Vergangenheit. Dies wurde vor allem durch die Diaspora-Gemeinschaft unbewusst in Gang gesetzt.
Natürlich muß auch der Frage nachgegangen werden, in welcher Weise auch für die nachfolgenden Generationen, zunächst für die Kinder und Kindeskinder der Überlebenden, von einem Trauma nach der jahrhundertlangen Unterdrückung, Verfo lgung und Massakern gesprochen werden kann, und was dies für die soziale Identität in der yezidischen Diaspora bedeutet.
Familie und Trauma
Aus den vielen literarischen und psychologischen Analysen und Selbstdarstellungen läßt sich ein Bild davon gewinnen, wie das psychische Trauma in der Familie weitergegeben wird. Die Balance zwischen der affektiven Einbindung des Kindes in die Familie und der allmählichen Ablösung des Kindes wird gestört.
Auf einer latenten, unbewußten Interaktionsebene zeigen viele Eltern ein symbiotisches Verhalten, indem sie sich den Kindern als wert- und schutzlos präsentieren, in der Erwartung, dass diese die beschädigte Identität wiederherstellen. Dem entspricht eine Überidentifikation der Kinder, die unbewußt die Rolle der Verfolgten übernehmen, gleichzeitig aber auch die Verpflichtung, die verletzte Würde wiederherzustellen, sich der Leiden der Eltern und Vorfahren durch besondere Leistungen würdig zu erweisen - ohne das Recht, in der Anpassung an eine neue Umgebung mit neuen Anregungen und Aufgaben Selbstgefühl und Lebensfreude zu gewinnen.
Die Weitergabe des psychischen Traumas an die nachfolgenden Generationen wird verstärkt durch die unglaubliche Tatsache, dass die Realität der Massaker, der yezidischen Verfolgung bis heute nicht vorbehaltlos anerkannt wird oder sogar von ihrem moslemisch-kurdischen Landsleuten verleugnet wird.
Eine solche direkte oder indirekte Verleugnung, wird auch in Europa fortgeführt, weil es nicht in die Politik der jeweiligen Staaten paßt, was einen starken Einfluß auf die hier lebenden Yeziden in der Diaspora hat. Auf diese Weise bleiben den Yeziden elementare Grundlagen sozialer und persönlicher Identitätsausbildung vorenthalten.
Die Angst vor Identitätsverluÿst, die daraus resultiert, erschwert die Akkulturation in der Dia spora, weil sie die Abgrenzung gegen das Fremde verstärkt. Hinzu kommen Reaktionen auf die Verletzung von Rechtsgefühl und Gerechtigkeitsvorstellungen. Bei den Yeziden spielen natürlich auch die aktuellen Probleme, Krieg in Kurdistan, Zerstörung der Heimat, Verlust von geliebten Menschen usw., eine wichtige Rolle, die dann die zurückliegende Katastrophe wieder aktualisieren und im Nachhinein zu einem traumatischen Ereignis werden lassen. ““Auf diese Weise könnte das Trauma auch spätere Generationen betreffen, für die nicht mehr wie heute durch die Überlebenden eine leibhaftige Verbindung zur Katastrophe gegeben ist.
Die gemeinschaftlichen Erinnerungen der Yeziden an ihr Schicksal sind geprägt von Jahrhunderten der Verfolgung und Ermordung. Der Versuch der in den kurdischen Siedlungsgebieten herrschenden Mächte, sie vollständigls un zu vernichten, hat sie tief geprägt. Eine Erfahrung der Grau- samkeit und_ der unvorstellbaren Verbrechen ist eine kollektive Erinneru ng, die die gesamte kurdische Gesellschaft beeinflußt und über die Jahre hin verändert hat.
Erinnert werden nicht die historischen Fakten und politischen Hintergründe des Geschehens allein. In den Berichten der Zeugen und Zeitzeugen geht es nicht um die objektive Wahrnehmung des Ereignisses, und niemand kann diese Ereignisse wirklich wahrnehmen, geschweige denn verstehen, sondern es geht darum, dass diese Ereignisse tatsächlich stattgefunden haben. Erinnert wird an die gewaltsamen Einschnitte im eigenen Leben, in das Leben der Eltern, Verwandten und der kurdischen Geschichte.
Gruppenidentität und Solidarität
Die historischen und gegenwärtigen Massaker, die auf jeden Fall eine große traumatische Wirkung haben, sind auch für die Gruppenidentität und Solidarität, aber auch für jeden einzelnen in der Familie und für seine Lebensgeschichte bedeutend.
Die objektiven und subjektiven Belastungen von Traumata aufgrund von Kriegen, Mißhandlungen und Verfolgungen können meines Erachtens bei den Yeziden, auch bei der jüngeren Generation und Generationen, die nicht im Heimatland aufgewachsen sind, durch soziale Unterstützung etwas gemildert werden.
Am wirksamsten sind die Bindungen an die Religion im Sinne einer sozialen und persönlichen Identität und an die Stämme, sowie die Bindung an Traditionen wie Familiensinn und Ehre. Heute sind diese Faktoren für die Yeziden in der Diaspora gegeben. Diese Faktoren spielen für die empfundene Sicherheit und Zugehörigkeit eine große Rolle. Dieser Bezugseffekt ist natürlich auch relevant für die persönliche Identität. Das positive Abschneiden der eigenen im Vergleich zu anderen Gruppen bedeutet also das miterhöhte Selbstwertgefühl jedes Gruppenmitgliedes. Die Yeziden haben bis heute über die Erschaffungstheorien, dass sie nämlich die älteste und ureigenste Religion der Welt haben, versucht, eine positive Identität zu erlangen. Die positive Identität kann ohne die Existenz einer Gruppe kaum gewährleistet werden. Daher bewerte ich die Gruppe der Yeziden nicht nur als eine religiöse Gruppe. Vielmehr ist es eine soziale Bewegung, in der die Religion mit den vielen Vorschriften und Regeln als ein Ordnungsmodell anzusehen ist, nach denen sich die Yeziden richten konnten. Dies wird sicherlich auch aus der Geschichte des Mittleren Ostens und der Yeziden deutlich. Hier muß verdeutlicht werden, dass nicht die historische Tragweite der Erfahrungen und Erinnerungen einer Gemeinschaft im kollektiven Gedächtnis bewahrt wird, sondern der Sinn, den diese für eine Gemeinschaft tragen. Es bewahrt nicht an eine bestimmte Zeit gebundene Ziele, Wünsche und Orientierungen mit identifikatorischen Funktionen. Hier ist die Sprache neben ihren kommunikativen, gesellschaftlichen Funktionen wichtig. Die Sprache bewahrt die Regeln und Komponenten.
„Die Feinde bekämpfen einen, sie ermorden und verhaften uns. Das ist schon immer so gewesen. Aber warum müssen unsere eigen kurdischen Brüder sie unterstützen, und manchmal waren sie viel grausamer als unsere Feinde.“Gleichzeitig scheint, wie u.a. das Zitat verdeutlicht, auch die Unterdrückung durch moslemischen Kurden eine wichtige Erinnerung zu sein, auch in der Diaspora. Immer wieder erwähnt die erste Generation der Yeziden, dass sie von moslemischen Kurden beschimpft und diskriminiert worden seien.
Dieses Thema ist relativ neu und unbehandelt, sowohl bei den Yeziden als auch den anderen kurdischen Gruppen. Um so mehr ist es notwendig öffentlich und empirisch das Thema auf die Tagesordnung zu setzen.
Ein erster Schritt zur Enttabuisierung und Verarbeitung der historisch-traumatischen Ereignisse wäre, dass zunächst alle kurdischen Parteien und Organisationen, die sich als legitime Führer des kurdischen Volkes ansehen, offen und rückhaltlos darüber mit Diskussionen beginne, und vielleicht sind sie dann auch in der Lage sich bei den Yeziden zu entschuldigen. Dies haben bereits viele kurdische Parteien mutig und entschlossen den Armeniern und Assyrern gegenüber getan. Umso mehr ist es auch notwendig, die internen Tabus gegen ethnische und religiöse Minderheiten innerhalb des eigenen Volkes zu beseitigen.
Es ist notwendig, dass dieser Prozeß der Aufklärung und Verarbeitung von einer breiten soz_ialen Basis getragen wird, da die Berührung und Beschäftigung mit den vergangenen schmerzhaften Ereignissen Unsicherheit, Frustratcion und Angst hervorrufen wird. Aber nur so, im Anerkennen und Durchdringen des Geschehenen, wird sich die Möglichkeit zur Einheit und Respekt eröffnen, kann das innere und äußere Gleichgewicht wiederhergestellt werden und die kollektive Identität zurückerobert werden.
Die Bewältigung der Geschichte und damit auch die traumatisch erlebten Ereignisse eröffnet neue Zukunftsperspektiven, die den Menschen wieder Hoffnung geben können. Eine einzelne Gruppe, wie z.B. die Yeziden, kann das nicht leisten, aber alle Gruppen zusammen können es, wenn sie sich so zusammenschließen, dass die Autonomie jeder einzelnen Gruppe gewahrt bleibt. Schließlich geht es um die Wiederherstellung der Würde der menschlichen Existenz, die so sehr missachtet wird.
Literatur
Binswanger, L. (1947): Über Psychotherapie, in: ders.: Ausgewählte Vorträge und Aufsätze, Bd. I, Bern 1947, S. 132-158.
Dabag, M/Platt, K. (1994): Diaspora und das kollektive Gedächtnis, in: Identität in der Fremde. Universitätsverlag Dr. Brockmeyer.
Kizilhan, I.: Die Yeziden (1997). Eine anthropologische und sozial-psychologische Studie über die kurdische Gemeinschaft, medico international Verlag Frankfurt.
Kizilhan, I. (2000): Die Unendlichkeit des Horizont - Ein Roman aus den kurdischen Bergen, Hackbarth Verlag, St.Georgen.
Kurzbiografie
Ilhan Kizilhan, Dr. rer. soc., Dipl. Psychologe, Studium der Psychologie, Orientalistik, Rechtswissenschaften, Institut für Friedensforschung - Mittlerer Osten,
Autor zahlreicher Studien zu ethnischen Minderheiten im Mittleren Osten,
Wissenschaftlicher Berater und Leiter für mehrere Kliniken in Deutschland zur transkulturellen Psychiatrie / Psychologie, psych. Sachverständiger, Psychotherap. Habilitant und Mitarbeiter der Arbeitsgruppe Konflikt und Friedensforschung der Universität Konstanz. 
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