YezidentumNewsGalerienVereineJugendMenschenrechteGästebuchFAQLinksForumKontaktVideos


zwei sprachen

Fragen zum Yezidentum

Religion

Gesellschaft

  Interview mit dem Oberhaupt der Yeziden - Mir Tahsin Saied Beg

Historische traumatische Ereignisse und deren Einfluß auf die nachfolgenden Generationen

Kontinuität und Wandel der yezidischen Identität in Deutschland: Eine vorläufige Bestandsaufnahme
Die Liebe zu den Yeziden ist ein Teil meines Lebens

Ein yezidisches Forum ist in der Türkei, in Syrien oder Zentralirak“undenkbar

Gemeinsame Erklärung der yezidischen Vereine in Deutschland zur Negativ-Kampagne

Yeziden fühlen sich als Bürger dieser Stadt

Darauf können alle Kurden stolz sein!

Eintragung der yezidischen Religion

Das yezidische Mädchen und ihre Stellung in der Gesellschaft

Ursachen und Wirkungen der Krankheiten kurdischer Bürger außerhalb ihrer Heimat

Die Yeziden müssen eine eigene Theologie entwickeln
 


Kultur

Geschichte

 

 

yeziden.de Yezidentum Gesellschaft Kontinuität und Wandel der yezidischen Identität in Deutschland: Eine vorläufige Bestandsaufnahme   

Kontinuität und Wandel der yezidischen Identität in Deutschland: Eine vorläufige Bestandsaufnahme



Dr. Andreas Ackermann

 

Dr. Andreas Ackermann

Aufgrund der in den letzten Jahrzehnten immer noch zunehmenden akuten physischen Bedrohung, sind heutzutage immer mehr Yeziden gezwungen, außerhalb ihrer Herkunftsgebiete in Kurdistan zu leben, ein Großteil davon in Deutschland. Mich interessiert in diesem Zusammenhang vor allem, welchen Einfluß die Migrationserfahrungen‘ auf die yezidische Identität haben, genauer, wie diese sich unter den Bedingungen des Exils definiert.

Bis zum heutigen Tag befinden sich die Yeziden überwiegend in einer schwierigen Situation, bilden sie doch stets eine Minderheit in doppelter Hinsicht: Zum einen gelten sie als Kurden, als ethnische Minderheit, und haben so auch die jeweiligen, den Kurden geltenden Unterdrückungspraktiken mit zu erleiden. Zum anderen sind sie innerhalb der mehrheitlich islamisch geprägten Kurden eine religiöse Minderheit, und dementsprechend auch häufig Opfer religiös motivierter Verfolgung geworden. Dies hat u.a. dazu geführt, dass die yezidische Religion als „Geheimreligion“ apostrophiert wurde. Was daran stimmt, ist, dass – auch den meisten Yeziden selbst – tatsächlich nur relativ wenig über die yezidische Religion bekannt ist.

Mit der Flucht in die Bundesrepublik stellen sich für die Yeziden neue Fragen bezüglich ihrer Identifikation. Waren bislang die Zugehörigkeit als Kurde, als Angehöriger der yezidischen Religionsgemeinschaft, als Mitglied eines Stammes, eines Clans und einer Familie vergleichsweise eindeutig und unverrückbar definiert, so werden diese Selbst- und Fremdzuschreibungen nun mit den veränderten Lebensbedingungen in der Fremde konfrontiert. Die Yeziden sind hier nicht länger Bedrohung und Verfolgung ausgesetzt, müssen ihre Religion nicht länger verheimlichen, sie müssen vielmehr im Gegenteil ihre Religion und Kultur unter den Bedingungen einer modernen, kulturell komplexen Gesellschaft neu definieren. In dieser Situation werden Stimmen laut, die fordern, solche Traditionen und Bräuche, die als nicht mehr zeitgemäß empfunden werden und nicht zum religiösen Kern gehören, zu reformieren bzw. aufzuheben. Andernfalls bestünde die Gefahr, dass die Jugendlichen sich vom Yezidentum distanzieren.

Die Situation der yezidischen Religion in diesem Zusammenhang ist mit dem Bild eines im Wasser dahinschwindenden Zuckerstücks beschrieben worden. Um dem beklagten Identitätsverlust zu begegnen, soll die yezidische Religion vereinheitlicht werden, transparenter und verständlicher für die Gläubigen. Drei Spannungsfelder, in denen sich nach meinen bisherigen Erfahrungen Identitätsbildungsprozesse der Yeziden in Deutschland abspielen, sollen hier vorläufig skizziert werden, nämlich (a) die Unkenntnis innerhalb bzw. die Vorurteile außerhalb der yezidischen Gemeinschaft; (b) die Frage nach der Bewahrung bzw. der Anpassung yezidischer Traditionen sowie (c) die Verortung der Yeziden innerhalb des Spannungsfeldes von Religion und Politik.

(a) Das wichtigste Problem für die yezidische Gemeinschaft im Exil ist sicherlich die Transformation ihrer Religion von einer Geheimreligion in eine öffentlich vermittelbare, sowohl yezidischen Gläubigen als auch nicht-yezidischen Interessierten zugängliche. Aus den bereits geschilderten Gründen existiert nur kaum seriöse und keine für alle yezidischen lokalen Traditionen verbindliche Literatur, sei es religiöser oder auch wissenschaftlicher Art. In jüngster Zeit allerdings sind Bestrebungen zu beobachten, dies zu ändern. Was an dieser Stelle noch betont werden muß, ist die Tragweite solcher Initiativen, befördern diese doch eine seit den Siebziger Jahren einsetzende Transformation von einer mündlichen in eine schriftliche Überlieferungskultur der yezidischen Religion. Heilige Texte werden aufgeschrieben, dokumentiert und vereinheitlicht. Alternative Versionen verlieren angesichts der publizierten an Bedeutung und geraten in Vergessenheit. Texte in Büchern und Zeitschriften gewinnen dabei zunehmend an Bedeutung.

(b) Hinsichtlich der Diskussionen um Bewahrung und Reform yezidischer Traditionen haben sich vor allem die traditionellen Heiratsbeschränkungen als problematisch erwiesen, die in einzelnen Fällen zur Folge haben, dass Yeziden aus bestimmten, vor allem Sheikh-Familien keine Heiratspartner mehr finden. Vor allem jugendliche Yeziden haben zunehmend Probleme mit den traditionellen Vorstellungen von Respekt, die sie dem Vater einerseits sowie Sheikh und Pîr andererseits schulden. Oftmals lassen sich die Vorstellungen der traditionell geprägten und weniger mit dem deutschen Alltag vertrauten älteren Generation z.B. über die Wahl des Berufes oder des Heiratspartners nicht mit denen der in Deutschland sozialisierten, jugendlichen Yeziden vermitteln. Dieser Generationenkonflikt macht sich u.a. dadurch bemerkbar, dass die Jugendlichen ihre Elternhäuser u.U. verlassen und verschwinden. Allerdings dürfte es sich in diesem Falle um keine yezidische Besonderheit handeln, denn solche Probleme lassen sich auch in anderen, traditionell geprägten Migrantengruppen beobachten.

(c) Damit sind wir beim nächsten Spannungsfeld angelangt, nämlich der Frage, wie sich die Yeziden innerhalb ihres unmittelbaren Umfeldes positionieren sollen. Hier möchte ich zwei Bereiche nennen, zum einen den religiösen und zum anderen den politischen. Im Zusammenhang mit Fragen der yezidischen Religion taucht immer wieder die Debatte auf, ob die Yeziden eigentlich Zoroastrier seien. Dazu sind bereits von verschiedenen Seiten Antworten gegeben worden, ohne aber die Debatte beenden zu können. Dies hängt meiner Ansicht vor allem mit den strategischen Konsequenzen der jeweiligen Entscheidung zusammen. Abgesehen von dem Veränderungspotential, das dem Zoroastrismus zugeschrieben wird, würden die Yeziden als Zoroastrier schließlich auch zu den sogenannten Buchreligionen gehören und die gleiche Duldung wie Judentum und Christentum innerhalb der islamischen Rechtsordnung erlangen. Der Dschihad gegen sie wäre demnach ein historischer Irrtum des Islam gewesen. Zudem würde der Mîr schließlich zum Oberhaupt eines Millionenvolkes, das mit den Parsen bis nach Indien reichte, mit entsprechender Macht und politischer Bedeutung. Diese Sichtweise birgt allerdings auch die Gefahr einer Spaltung der Yeziden-Gemeinschaft. Yeziden, die eine Zugehörigkeit zur zarathustrischen Religion abstreiten, wird teilweise vorgeworfen, sich vom Kurdentum trennen zu wollen, denn viele kurdische Intellektuelle sehen im Zoroastrismus den Ursprung des Kurdentums. In diese Richtung argumentieren auch die irakisch-kurdischen KDP und PUK, wenn sie davon ausgehen, dass ursprünglich alle Kurden Yeziden gewesen seien.

Damit kommen wir zum politischen Umfeld der kurdischen Frage, innerhalb dessen sich die Yeziden in Deutschland verorten müssen. Und hier schlägt meines Erachtens die von mir eingangs erwähnte “doppelte Minderheitenproblematik” wieder durch, d.h. die historische Erfahrung der Verfolgung als Kurden einerseits und als Nicht-Muslime andererseits. Obwohl die offizielle Politik der Yeziden eher als eine der Nicht-Einmischung beschrieben werden kann, so dürfte doch die überwiegende Mehrzahl die Errichtung eines “Freien Kurdistans” als Wunschvorstellung teilen. Weitaus schwieriger und sicher auch nur individuell ist die Frage zu beantworten, wie man sich zur PKK stellen will, die in Deutschland wohl immer noch die einflußreichste Kraft der sogenannten “kurdischen Patrioten” darstellen dürfte. Während die PKK einerseits den religiösen Minderheitenstatus der Yeziden innerhalb der mehrheitlich islamischen Kurden aufzuheben in der Lage ist, indem sie nicht die trennende Religion, sondern die verbindende gemeinsame kurdische Sache propagiert, so fordert sie andererseits doch auch – ganz ähnlich, wie sie es bereits bei den Aleviten getan hat – Einfluß- und Richtungsbestimamungsmöglichkeiten, den ihr nicht jeder einzuräumen bereit ist. Yeziden und yezidische Organisationen müssen sich also jeweils überlegen, wie sie sich zur PKK speziell und zur Frage eines unabhängigen Kurdistans allgemein stellen wollen. Schließlich argwöhnen viele, dass die Yeziden auch in einem unabhängigen Kurdistan wieder eine Minderheit bleiben würden.

Vor dem Hintergrund der unterschiedlichen lokalen Traditionen in den jeweiligen yezidischen Herkunftsgebieten ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich in Deutschland eine interne Differenzierung der verschiedenen yezidischen Kasten, Familien und Institutionen beobachten läßt, die ein nicht unbedeutendes Hindernis auf dem Weg zu einer einheitlichen Vorstellung von yezidischer Kultur und Religion darstellen. Es gibt aber auch Hinweise und erste Anzeichen für etwas, das ich als “Diasporisierung” der Yeziden, also die Entwicklung einer yezidischen Diaspora bezeichnen möchte. Damit meine ich genau die auch von den Yeziden selbst angestrebte “Neuordnung” ihrer Religion unter den Bedingungen des Exils in Deutschland.

Dabei wäre es nicht weiter verwunderlich, wenn sich in diesem Transformationsprozeß auch die soziale bzw. religiöse Struktur der yezidischen Gesellschaft verändert. Ich möchte hier nur einen abschließenden Hinweis geben: Wie es scheint, entwickelt sich eine Schicht junger gebildeter Yeziden, die von sich aus für eine Revitalisierung des Yezidentums eintritt, mit dem Ziel einer Rückbesinnung auf und gleichzeitiger Reformation der traditionellen Glaubens- und Lebensformen. Ihre Vertreter entstammen zumeist der Klasse der mirîden und sind – obwohl sie sich mit religiösen Fragen beschäftigen – nicht als Geistliche legitimiert. Herkömmlicherweise wären sie höchstwahrscheinlich in der Position derjenigen, die religiöse Informationen empfangen, nicht aber in der Position derer, die solche ‘produzieren’ und, z.B. über Veranstaltungen in Kulturzentren, Zeitschriften und das Internet weitergeben. Sie vermitteln dabei auch einem internationalen, nicht-yezidischen Publikum eine Vorstellung davon, wie eine yezidische Diaspora außerhalb Kurdistans im Laufe der Zeit aussehen könnte. Der yezidische IdentitätsTbildungsprozeß fern der Heimat hat erst begonnen und es wird sehr interessant seinAr, seine weitere Entwicklung zu verfolgen.

Literatur

Film: Cejna Cimaiya Sheikh Adi - das Fest der Versammlung zu Ehren von Sheikh Adi. Acht Tage lang versammelt sich die Gemeinschaft der Gläubigen in Lalish, einem Tal nordöstlich von Mosul, im kurdischen Autonomiegebiet (Nordirak) gelegen. Der  60-minütige Film gibt Einblicke in die zentralen religiösen Zeremonien der Cimaiya Sheikh Adi, zeigt Szenen aus dem Tagesablauf der Pilger und vermittelt einen Eindruck von der Umgebung Lalishs (Nordirak), vom Tal selbst und seiner Atmosphäre.

Kurzbiografie

Andreas Ackermann ist Ethnologe mit Schwerpunkt Multikulturalismus, Stadt- und Migrationsethnologie. Neben Lehraufträgen an der Uni Bremen zu diesen Themen führt er am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen eine Studie zur Veränderung von Sinnkonzepten in der Diaspora am Beispiel der Yeziden durch.

Kontakt

Dr. Andreas Ackermann

Kulturwissenschaftliches Institut

Goethestrasse 31

D-45128 Essen, Germany

Tel:+49-201/7204-208

Fax:  +49-201/7204-111

www: www.kwi-nrw.de

E-Mail: andreas.ackermann@kwi-nrw.de


 

    - top -