Ein yezidisches Forum ist in der Türkei, in Syrien oder Zentralirak“undenkbar
Irina Wießner
Zur Einweihungsfeier und der Arbeit des 1. Yezidischen Gemeindezentrums, das in Europa Stein auf Stein von Yeziden errichtet wurde: Des „Yezidischen Forum e.V.“ in Oldenburg am 22.6. 2001.
Die feierliche Stimmung und erwartungsvolle Spannung über dem Foyer und Festsaal des einzuweihenden Kulturforums in Oldenburg, wo der Vereinsvorstand die ankommenden Gäste willkommen hieß, wurde dem Anlass der Veranstaltung gerecht: Er ist wirklich einmalig und erstmalig, wie der Vorstandsvorsitzende Telim Tolan gleich in den ersten Sätzen seiner Begrüßungsansprache betont, und fortfährt:„ Ich denke, es hat etwas Besonderes schon deshalb, weil wir als eine kleine Gruppe gezeigt haben, dass wir gemeinsam etwas zustandebringen können.“
Von dieser positiven Grundstimmung ist die ganze Rede Tolans getragen: Stolz auf das in vielen, langen Arbeitsstunden gemeinsam Erreichte, und voller Anerkennung für die vielen Helfer und Geldgeber unter den Glaubensbrüdern und ebenso unter vielen engagierten, nichtyezidischen Bürgern Oldenburgs einschließlich der Anwesenden, des Bürgermeisters Alfred Nehring, des Bundestagsabgeordneten Dietmar Schütz, seines Stadtrates, seiner Stadtverwaltung, des Kulturdezernenten Dr. Ekkehard Seeber und der Abgeordneten der politischen Parteien, die in großer Zahl der Einladung der yezidischen Oldenburger gefolgt sind. In der Ansprache des Vorsitzenden wird deutlich, dass bei der yezidischen Glaubensgemeinschaft, die in ihren Heimatländern so häufig Isolation und Diskriminierung ausgesetzt war, die dankbare Erinnerung an das Land, die Stadt und die Menschen, die sie aufgenommen haben, lebendig bleibt und niemand von all den Freunden vergessen wird. Die Namen der Ehepaare Prieß und Lehmann sind nur zwei von ihnen. Stellvertretend für viele andere der Begleiter, die den Weg zur Anerkennung eines Bleiberechts vorbereitet, mitgestaltet und beeinflusst haben, erinnert Tolan an drei Männer aus Wissenschaft, Menschenrechtsarbeit und Politik: an Gernot Wießner, Professor für Allgemeine Religionsgeschichte an der Universität Göttingen (gest. 1999), der in seinem bahnbrechenden Gutachten zum sog. Stader Urteil die Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit eines Bleiberechts lenkte und Gerichten wie Anwälten seit 1982 eine Richtschnur bot, er nannte die Gesellschaft für bedrohte Völker und bedankte sich bei dem GS Tilman Zülch und seiner Mannschaft. Vor allem aber wurde als ein Meilenstein der kurzen Geschichte der Yeziden in Deutschland das menschenrechtliche Verdienst des ehemaligen nordrhein-westfälischen Innenministers Dr. Herbert Schnoor und seines Ministerialdirigenten Hans Engel hervorgehoben, die eine Recherchereise in das Siedlungsgebiet der Yeziden in der Südosttürkei, in die Region um Midyat und Besiri, unternahmen, um sich nach widersprüchlichen Gutachten und Aussagen selbst ein Bild zu machen. Als Ergebnis dieser Reise wurden die Abschiebungen gestoppt, setzte sich Schnoor für ein Bleiberecht der Yeziden und ihre Anerkennung als Gruppenverfolgte ein.
Der freundschaftiche Ton, der sich in allen Beiträgen, auch denen der Politiker, zeigte, hob sich wohltuend von solchen ähnlicher Veranstaltungen ab, die so häufig mit einseitigen oder gegenseitigen Vorwürfen und Forderungen gespickt sind, wenn auch aus manchen Reden zwischen den Sätzen herauszuhören war, dass es wohl zeitweise in den ersten Phasen der Planung, des Bauplatzes usw. hartnäckige Verhandlungen gegeben hat, aus denen die Yeziden stets durch liebenswürdige Unbeugsamkeit siegreich hervorgingen.
Oldenburg ist wirklich ein kulturübergreifender Ort: mit einer islamischen Moschee, einer jüdischen Synagoge, einem Zentrum für Buddhisten, einem Zentrum für Bahai und nun dem neuen yezidischen Kulturforum werden nach den Worten des ehemaligen Kulturdezernenten die positive Entwicklung, das breite Spektrum der verschiedenen Religionen und Kulturen und die Offenheit dieser Stadt deutlich.
In der Begrüßungsansprache des Vereinsvorsitzenden war vorher nachdrücklich zum Ausdruck gekommen:
„Ein yezidisches Forum ist in der Türkei, in Syrien oder Zentralirak undenkbar.“
Dennoch wird in Tolans Rede auch gegen die Verursacher ihres Leidensweges in der alten Heimat, gegen die moslemischen Kurden, keine Klage oder Schuldzuweisung laut. Er bezeichnet die Menschen, die sie in den Heimatländern Syrien, Irak, Iran und Türkei, schikaniert, verspottet, beleidigt, bestohlen, geraubt und oft genug getötet haben, als „fundamentalistische“ Moslems.
Als Bundesvorsitzende der GfbV ging Irina Wießner in ihrer Rede auf diese Formulierung ein: Sie ist gut gemeint, versöhnlich, aber leider schlichtweg falsch. In den vergangenen Jahrhunderten und Jahrzehnten gab es keine „fundamentalistischen “Moslems in diesen Ländern, kein Moslem brauchte fundamentalistisch zu sein, schließlich war und ist z.T. noch der Islam Staatsreligion und in den zumeist rückständigen kurdischen Gebieten, jedenfalls in den Dörfern, hat sich bis heute eine säkulare Sicht noch lange nicht durchgesetzt. Nein, es waren eben die Menschen aus den Nachbardörfern, nette, moslemische Bauern, oder in den Kleinstädten freundliche, moslemische Geschäftsinhaber und Stadtbewohner, die den Lebensraum der Yeziden einschränkten, sie in unfruchtbare Rückzugsgebiete drängten und sie dazu brachten, ihre Religion, ihre Kultur und ihren religiösen Kult als „Geheimreligion“ zu praktizieren. Die Verantwortlichen des Staates, Polizei und Gerichte, sahen in den meisten Fällen tatenlos zu, auch die guten Moslems, die als solche gegenüber wirklich Ungläubigen, die nicht wie Juden und Christen zu den Schriftbesitzern gehören, nichts auf die Menschenwürde eines Yeziden gaben. Für sie waren und sind Yeziden verachtungswürdige „Anbeter des Bösen“.
Der Selbstanspruch an die Aufgaben des Kulturforums ist groß und vielfältig. In erster Linie wollen die Mitarbeiter eine Möglichkeit schaffen, ihre Kultur unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft in Westeuropa aufrechtzuerhalten und beides miteinander zu verbinden. Den Älteren die neue, den Jüngeren die alte Heimat nahezubringen ist ein Anliegen, das zielstrebig verfolgt wird.
Dazu gehört dementsprechend, dass nicht nur fröhliche Feste, Jubiläen und Feiertage im Forum begangen werden, sondern dass auch Raum geboten wird für Trauer um die Toten, für ihre Waschung und Vorbereitung zum Begräbnis im Kult der Yeziden.
In zweiter Linie wird großer Wert gelegt auf ein Miteinanderleben mit „deutschstämmigen“ Nachbarn. Einen gelungenen Auftakt bildete bereits am Abend der Einweihung ein großartiges Kaltes und Warmes Buffet, das kulinarische Köstlichkeiten von kurdischen und deutschen Köchen bot.
Das „Miteinanderleben.“ stößt im Alltag manchmal auf Schwierigkeiten : „ Wir laden oft Nachbarn ein, aber häufig stoßen wir auf eine Art Schwellenangst.“. Deutsche nehmen wohl solche Aufforderungen nicht ernst, sondern erwarten einen Termin, wann sie denn willkommenen sind, Sie können sich gemäß deutscher Mentalität kaum vorstellen, dass bei Menschen aus dem Orient ein Gast immer willkommen ist. Termine, feste Zeiten ausmachen, kennt man dort nicht. So müssen beide Seiten lernen, einerseits, dass die Einladung der Yeziden eine ehrliche Aufforderung und nichts leicht Dahingesagtes ist, und andererseits, dass das Nichterscheinen deutscher Nachbarn wiederum auch nicht unbedingt aus Desinteresse geschieht, sondern dass die Deutschen im allgemeinen erst auf eine „richtige“ Einladung hin kommen. Pauschal ausgedrückt gilt also für die einen: Yeziden „einfach besuchen“ und für die anderen: Deutsche „offiziell einladen“.
Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, zu Veranstaltungen des Forums deutsche Teilnehmer zu motivieren. So erreichte man bei dem von Januar bis Mai 2001 jeweils mittwochs durchgeführten Projekt „Lebendiger Austausch - Kochgruppe“ nicht die angestrebte Zahl von wenigstens 10 deutschen Teilnehmerinnen.
Die teilnehmenden Frauen waren teilweise auf Grund ihrer beruflichen Stellung sowieso mit der Arbeit mit Trägern anderer Kulturen vertraut (Lehrerin, Ehefrau des Ausländerbeauftragten), man hätte sich aber noch mehr „normale“ deutsche Nachbarn gewünscht. Die deutschen Teilnehmerinnen indessen fühlten sich inmitten der nicht nur. zahlenmäßig (3-bis 4-fach) , sondern auch in der Erfahrung als Köchinnen hoch überlegenen Kurdinnen sehr wohl und waren beeindruckt von den Schicksalen, die während des gemeinsamen Verzehrs der zubereiteten Speisen berichtet wurden. Sie gewannen hohen Respekt vor der Kraft und der Art, wie die yezidischen Frauen ihr Leben in dem neuen, fremden, kalten Land gemeistert hatten.
Die Verbindung zwischen den Frauen blieb über den Kurs hinaus erhalten und wurde in weiteren Treffen intensiviert. Das Projekt Kochgruppe hatte eines seiner Ziele erreicht: Das yezidische Forum verlor für die deutschen Frauen sein fremdes Wesen und war anfassbar geworden.
Zu den Aktivitäten des Forums gehören Seminare über allgemeine Themen wie Kindererziehung oder Themen über die yezidische Kultur und Heldenverehrung. Deutschkurse - jeweils am Sonntag! - sollen den Yeziden die neue Heimat ein Stück näher bringen.
Merkwürdig und als respektables Beispiel der Toleranz, nicht nur der Yeziden, sondern auch der beiden großen Kirchen der Mehrheitsgesellschaft, mutet die Einladung zu diesem Kurs an, in der gleichberechtigt nebeneinander das Logo der „ Katholischen Erwachsenenbildung „, in der Mitte das Symbol des yezidischen Glaubens, der Engel Pfau, und rechts das Logo der „Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Erwachsenenbildung in Oldenburg „ abgebildet ist. Es zeigt andererseits das Bemühen des yezidischen Forums um gute Kontakte zur Mehrheitsgesellschaft. So waren die Yeziden auch Gastgeber eines Diskussionsabends über Zuwanderung und Integration, veranstaltet vom Diakonischen Werk, der Evangelischen Kirchengemeinde, der Katholischen und Evangelischen Erwachsenenbildung, an dem u.a. der ehemalige Bischof der nordelbischen Kirche, Kohlwage, teilnahm.
Vertreter des Forums hielten Vorträge über Religion und Schicksal der Yeziden, z.B. im Verdener Rathaus vor Behördenvertretern oder bei einer Tagung der Ev. Akademie Arnoldshain über die „Stellung kleinerer Religionsgemeinschaften von Immigranten in ihrer Heimat und in der Bundesrepublik“ mit dem bezeichnenden Untertitel „Die Bedeutung der Frage nach der Religionsfreiheit.“ Auch die Beziehungen zu deutschen Wissenschaftlern, die sich aus vielerlei Blickwinkeln mit der Religion und Geschichte der Yezden beschäftigen Religionshistoriker, Iranisten, Ethnologen- waren und sind dank des hochmotivierten Vorstands rege. Last not least ist auch der Austausch mit der Gesellschaft für bedrohte Völker intensiv und anregend.
Das Bemühen des Vorstands und seines engagierten Vorsitzenden mit Vertretern der Kirchen der Mehrheitsgesellschaft, mit Vertretern von Politik, Ministerien, Sprachverbänden, Wissenschaft und Menschenrechtsorganisationen in gutem Kontakt zusammen zu arbeiten, neben der Bewahrung der eigenen Kultur die Integration zu fördern; verdient höchste Anerkennung
Diese engagierte Haltung, die frei von Berührungsängsten, frei vom Drang zur Mission, frei von der Missachtung der Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften als „Ungläubige“ ist, die mit Christen und häufig mit Atheisten guten Kontakt sucht, sich selbst und die eigene Religion in der deutschen Gesellschaft bekannt macht und für alle offen ist, kann für viele andere Gruppen, auch für die „deutschstämmigen“ Deutschen ein nachahmenswertes Vorbild sein.
Hinweise
Dieser Artikel erscheint in der Zeitschrift „pogrom“ der Gesellschaft für bedrohte Völker, Ausgabe Nr. 211.
Irina Wießner ist die Bundesvorsitzende der Gesellschaft für bedrohte Völker.
Seit Beginn der 70er Jahre versteht sich die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) als kritischer Akteur im und um Menschenrechtsangelegenheiten auf globaler Ebene. 
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