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Sind die Yeziden tatsächlich Zarathustrier?



Zarathustra


Farvahar

Vorbemerkung

 

Die Geschichte der alten Religionen weckte mein Interesse schon zu früher Zeit.

 

Mein Vater hatte die erste Schule für ezidische Kinder in Syrien gegründet und war aktives Mitglied in der ersten politischen Organisation der syrischen Kurden. So kam ich als Jugendlicher bereits in Kontakt mit seiner Arbeit für die Ezidi und seinen Erkenntnissen, die er dabei erwarb.

 

Ich hatte die Gelegenheit, das in Syrien verbotene Buch "Die Geschichte Kurdistans und der Kurden" des sowjetischen Historikers Basil Nikitin heimlich zu lesen, welches mich sehr beeindruckte. Damals schon stellte ich mir unter anderem folgende Fragen:

 

Was ist der Ursprung der Ezidi und der ezidischen Religion und wie ist das Verhältnis zu den Kurden und den Zarathustriern?

 

Diese Fragen dürften heute von allgemeinem Interesse sein.

 

Die Frage nach dem Verhältnis zu den Kurden ist für mich bereits beantwortet. Hohe kurdische Politiker, wie der im vergangenen Jahr verstorbene Osman Sabri oder der große kurdische Dichter Cigerxwin, der in seinem schwedischen Exil verstarb, erwähnten in ihren Werken immer wieder, daß die Kurden, daß ursprünglich sogar alle Kurden der ezidischen Religion angehörten. Ich erinnere mich gut daran, wie die vorgenannten Personen und kurdische Politiker die ezidischen Feste mit uns gemeinsam feierten.

 

Diese historische Tatsache, daß die Ezidi die kulturell-religiöse Wurzel der Kurden darstellen, ist mittlerweile allgemein anerkannt unter den Kurden.

 

Was das Verhältnis zu den Zarathustriern betrifft, klaffen die Meinungen weit auseinander.

 

Ein Historiker, Schriftsteller und Dichter wie Osman Sabri hat nirgendwo in seinen Veröffentlichungen das Wort Zarathustrier erwähnt. Es war immer von den Ezidis oder den Ezdais die Rede.

 

 

Was heißt das Wort "Ezid" oder "Ezidi"?

Die Herkunft dieses Wortes findet man in der Familie der indo-iranischen Sprachen, und es bedeutet etwa "heilig", gemeint ist damit der Gott "Ezda" oder "Ahura-Mazda". Und wenn man das Wort philologisch genauer betrachtet, dann stellt man leicht fest, daß das Wort zwei Silben hat: "Ez" und "Ida".

 

Während der erste Teil "Mich" oder auch "Mein" bedeutet, bedeutet die zweite Silbe "Schöpfer"; das Wort heißt dann "Mein Schöpfer", und das ist wiederum der allmächtige Gott.

 

Diese und andere religiösen Begriffe stammen aus der Zeit vor dem Erscheinen des iranischen Propheten Zarathustra. Das bestätigen auch die iranischen Historiker und Religionswissenschaftler. Die ezidische Religion jedoch auf den ommajadischen Kalifen Yazid Ibnu Maàwiyah zurückzuführen ist völlig auszuschließen, denn die Ezidi hatten bereits vor ihm existiert.

 

Da die These, die Ezidi seien die Nachfahren der Zarathustrier, unter einigen ezidischen Scheinintellektuellen noch stark verbreitet ist, werde ich dazu ausführlicher Stellung beziehen. Dabei sind einige grundsätzliche historische Tatsachen zu berücksichtigen.

 

 

Wer war Zarathustra? Wann hat er gelebt?

Zarathustra, auf Kurdisch "Zerdeþt", war ein iranischer Offenbarungsprophet, der ungefähr 550 Jahre vor Christus im Dorf Schiz am Urmiye-See, nordöstlich des heutigen Iranisch-Kurdistan geboren wurde.

 

Mit dreißig Jahren besann er sich für die Geheimnisse der Welt zu intersessieren und die Tradition und die Mythen seiner alten Religion genauer zu untersuchen.

 

Eines Tages, so berichten iranische Überlieferungen, erschien ihm am Fluß Daitya der Engel Vahu-Mano , und der Engel brachte ihn zum Thron des Gottes Ahura-Mazda, kurz Ezda oder "Azda". Vergeblich versuchte Zarathustra, seine Reformen durchzusetzen und Anhänger für seine neue Botschaft und seine Ideen zu finden. Seine alte Religion basierte auf dem Dualismus. Das ist der Glaube an die Existenz zweier sich entgegenstehender Götter und Prinzipien, der Glaube an einen guten Gott Ezda und an einen bösen Gott "Ahiraman". Ahiraman bedeutet etwa: Herrscher des Höllenfeuers.

 

Wie ich bereits erwähnt hatte, existierten diese Götternamen schon vor Zarathustra, sie wurden dann später in die zarathustrische Religion aufgenommen. Ahura-Mazda wurde als neue Version für den Sonnengott erfaßt. In der neuen Religion bedeutete dies "der vernünftige Gott".

 

Der Dualismus ist immer noch ein fester Bestandteil des ezidischen Glaubens, auch wenn er nicht mehr in alter Form vorhanden ist. In Gesprächen mit ezidischen Würdenträgern, wie Fakir Ali, habe ich dies festgestellt.

 

Er erwähnte immer wieder, daß jeder Teil des Lebens sein Gegenteil habe: Gut und böse, hell und finster, Tag und Nacht, gesund und krank und so weiter.

 

Er betont allerdings, daß es im ezidischen Glauben nur Gott der Allmächtige und Allwissende und seinen Stellvertreter auf Erden, den Erzengel Tawûsî-Melek, gäbe. Gott könne nur ein guter Gott sein, und er dulde keine Hölle oder Höllenstrafen in seinem Konzept. Allein der Mensch könne gut oder böse sein. Also sei der Dualismus lediglich bei den Menschen zu finden.

 

Die heutigen Ezidi glauben also an den Gott "Ezda" und seinen Erzengel "Tawûsî-Melek".

 

Das Dogma vom Erzengel Tawûsî-Melek gibt es übrigens nicht im zarathustrischen Glauben.

 

Um unsere Frage "Sind die Ezidi tatsächlich Zarathustrier?" nicht aus den Augen zu verlieren, möchte ich an dieser Stelle einen Punkt setzen und mit dem Vergleich der beiden Religionen fortfahren:

 

Nach iranischen Überlieferungen soll Zarathustra sogar sein Volk verlassen haben, um anderswo Anhänger für sich und seine neue Religion zu finden.

 

Er ging zunächst zu dem persischen Fürsten "Vishtaspa", den er von seiner neuen Botschaft überzeugen konnte. Es gelang ihm sogar, den Fürsten und dessen Volk zu bekehren.

 

Mit der Armee des bekehrten Fürsten soll er dann versucht haben, sein eigenes Volk zur Annahme seiner Botschaft zu zwingen. Eigenhändig begann er die Anhänger der alten Religion zu verfolgen, viele ließen ihr Leben, weil sie es abgelehnt hatten, Zarathustrier zu werden. Viele flüchteten in die unwegsamen Gebiete des heutigen Kurdistans.

 

Die mündlichen Überlieferungen sprechen von religiöser Verfolgung auch vor der islamischen Ära. Eine Verfolgung der Ezidi durch Juden oder Christen im Laufe der Geschichte ist nicht bekannt. Also können es nur die Zarathustrier gewesen sein, die die Ezidi verfolgten, da zu dieser Zeit nur die Zarathustrier in den ezidischen beziehungsweise benachbarten Gebieten gelebt haben.

 

Die dortigen Völker, wie etwa die Assyrer, Aramäer und Kurden lebten mehr oder weniger in friedlicher Koexistenz, sie könnten sogar ähnliche Religionen gehabt haben. In den wenigen Schriften der Ezidi, genauer im heiligen Buch "Meshefa Res", erwähnen die Ezidi zahlreiche Propheten der anderen Religionen, ja sogar weltliche Oberhäupter vieler Völker, aber Zarathustra wurde mit keinem Wort erwähnt. Es kann nur einen Grund dafür geben, nämlich die Verfolgung der Ezidi durch die Zarathustrier und das Konzept der Nachfahren der Ezidi, böse Taten der Menschen bewußt zu ignorieren und sich nur an das Gute zu erinnern.

 

Die Erwähnung und teilweise Verherrlichung der islamischen Feldherren nach der Ära Scheich-Adi (1074 - 1162) hat dagegen ganz andere, nämlich überlebens-strategische Gründe. Der übermächtige Islam hätte ansonsten die Ezidi komplett zwangsislamisiert.

 

Nach kurdischen Überlieferungen stammt der iranische Prophet Zarathustra aus der Sippe der "Zenda". Diese kurdische Sippe ist bis heute einflußreich.

 

Das von ihm geschaffene Werk "Avesta" gilt für die heutigen Zarathustrier als heilige Offenbarung. Zarathustra soll viele der alten Götter, indem er sie als Dämonen bezeichnete, bekämpft und die Rituale, die dem Empfinden seiner neuen Religion nicht mehr entsprachen, abgeschafft haben.

 

Desweiteren änderte er die Werte der alten Religion, wobei er die Rollen der Götter völlig neu definierte.

 

Nicht alle seiner Reformen konnten freilich auf Dauer erfolgreich sein, denn manches, was er auszumerzen versuchte, ließ sich nicht ausrotten, weil das Volk mit dem Herzen daran hing. Als Beispiel nenne ich hier den ezdaischen "Dienst des Feuers". Sogenannte Feuertempel der Zarathustrier, die heute hauptsächlich in Indien leben, belegen dies einwandfrei.

 

In Südjemen lebten bis in die siebziger Jahre dieses Jahrhunderts zarathustrische Gemeinden. Aus Angst vor dem Verlust ihrer Identität verließen sie das Land in Richtung Indien. Um die zurückgebliebene "Ewige Flamme" zu retten, schickten sie eine Sondermaschine, die das Feuer heil nach Indien brachte.

 

Der unpopuläre ezidische Emir Maàwiyah, der sich auch für einige Jahre in Deutschland aufhielt, deutete in einem angeblich von ihm geschriebenen Büchlein darauf hin, daß Ezidi-Gemeinden in Jemen leben. Es handelte sich aber eindeutig um Zarathustrier.

 

Während sich die alte ezdaische Religion auf bestimmte Gebiete beschränkte, erlebte die zarathustrische Religion ihre Blütezeit unter der Sassaniden-Herrschaft zu Beginn des Jahres 228, wo dieser Glaube sogar zur Staatsreligion erklärt wurde.

 

König Darius von Persien versuchte, die Spuren der alten ezdaischen Religion zu verwischen. Dadurch verlor die alte Religion stark an Bedeutung und mußte zugunsten der neuen zarathustrischen Religion in den Hintergrund treten. Es ist bemerkenswert, daß die heutigen Zarathustrier ausschließlich Perser sind. Sie werden in Indien auch so genannt.

 

 

Welchem Volk werden die heutigen Ezidi zugerechnet?

Viele behaupten, die Ezidi seien die Nachfahren der Zarathustrier.

Wer an diese Behauptung glaubt, soll sich ein Visum für die islamische Republik Iran besorgen, um sich vor Ort von den Umständen zu überzeugen. Es gibt sogar voneinander getrennte ezidische und zarathustrische Dörfer. Die beiden Religionsgruppen werden von den iranischen Machthabern als verschiedene Religionsgemeinschaften aufgefaßt. In Indien sind Ezidi so gut wie gar nicht bekannt.

 

Schließlich möchte ich nicht ausschließen, daß einige Anhänger der alten ezdaischen Religion damals die zarathustrische Religion angenommen haben.

 

Dies war der Fall zum Beispiel bei den heutigen moslemischen Kurden. Diese haben aber sowohl ihre kurdische (ethnische) als auch ezidische (religiöse) Identität aufgegeben.

 

 

Die Unterschiede zwischen den beiden Religionen

  1. Das heilige Buch der Zarathustrier heißt "Avesta" und die der Ezidi "Meshafa Res" und "Kitaba Celwa", "Das Schwarze Buch" und "Das Buch der Offenbarung".
  2. Die Ezidi haben weder in ihren mündlichen noch schriftlichen Überlieferungen mit einem Wort Zarathustra oder Avesta erwähnt.
  3. Die heutigen Zarathustrier werden dem persischen, die Ezidis hingegen dem kurdischen Volk zugerechnet.
  4. Es sind Unterschiede in der Bestattung der Toten festzustellen: Bei beiden Religionen sind zwar die vier Lebenselemente, Feuer, Erde, Luft und Wasser heilig. Während die Ezidi ihre Toten in der Erde bestatten, werden tote Zarathustrier auf die "Ewigen Türme" gelegt, damit die Leiche von Aasfressern, z.B. von Geiern, vernichtet wird. Eine Erdbestattung würde nach der Ansicht der Zarathustrier die Erde "beschmutzen".
  5. Im Mittelpunkt des ezidischen Glaubens steht der Erzengel Tawûsî-Melek. Die Rolle dieses Erzengels fehlt im zarathustrischen Glauben gänzlich.
  6. Die Ezidi unterscheiden sich von den Zarathustriern durch das Tragen eines bestimmten Kleidungsstücks, nämlich "Pisîra Êzîd". Was ist "Pisîra Êzîd"?
    Jeder fromme, erwachsene Ezidi ist verpflichtet, ein weißes und von der sogenannten Schwester im Jenseits (in der anderen Welt) eigenhändig geschnittenes Kleid mit einem speziellen Kopfausschnitt, vergleichbar mit einem runden Kragen, unter seinen täglichen Kleidern zu tragen. Dieser Brauch ist bis heute erhalten geblieben, und er fehlt bei den Zarathustriern. Dr. Pîr Memo Othman, ein bedeutender Ezidi-Gelehrter, beschreibt diesen Brauch wie folgt: Es ist die Pflicht eines jeden Ezidis, dieses speziell geschnittene weiße Kleidungsstück unter den täglichen Kleidern anzuziehen. Um den Kopfausschnitt beziehungsweise den Rundkragen dieses Kleides müssen neun Knöpfe oder Löcher angebracht werden. Diese Löcher symbolisieren die neun Planeten, die die Sonne umkreisen, und der herausragende Kopf des Menschen symbolisiert die Sonne.

    Dies ist ein Brauch der altertümlichen Mithra-Kultur, die noch vor der zarathustrischen Ära einer Form der Sonnenanbetung nachging und ein weiterer Beleg dafür, daß die ezidische Religion viel älter ist als die zarathustrische.
  7. Die alten Völker in Mesopotamien, wie z.B. die Assyrer, bezeichneten die Ezidi und Zarathustrier unterschiedlich.
    Während die Ezidi von den Assyrern "Dassnaya" genannt werden, werden die Zarathustrier "Tirhiya" genannt. Die Aramäer, die die Zarathustrier gar nicht kannten, nennen heute noch die Ezidi "Celkoye", vermutlich nach dem großen ezidischen Stamm der Celkan in Tour Abidin in der heutigen Provinz Mardin.
  8. Während sich die zarathustrische Religion als Offenbarungsreligion versteht, ist die ezidische Religion durch einen mehrere Jahrtausende dauernden Prozeß zustande gekommen.
    Es fing an mit der Feuer- über die Sonnenanbetung und Verherrlichung der vier Lebenselemente, Feuer, Erde, Luft und Wasser und ging über zum Glauben an die Existenz zweier Götter und deren Prinzipien Gut und Böse.
    Im letzten Stadium entwickelte sich der Glaube an den einzigen und guten Gott "Ezda" und seinen Erzengel Tawûsî-Melek.
  9. Das Verhältnis zwischen den beiden Religionen ist mit dem Verhältnis des Christentums zum Judentum vergleichbar.
    Es ist klar, daß sich die christliche Religion vom Judentum abgespalten hat. Jesus und alle seine Jünger stammten aus jüdischen Familien. Man kann sagen, daß die christliche Religion Bestandteile des Judentums hat, aber nicht umgekehrt. Die Christen vereinnahmten zum Beispiel das heilige Buch der Juden ("Thora") und nannten es das "Alte Testament". Der zweite Teil der christlichen Bibel ("Neues Testament") hingegen ist umgekehrt nicht Bestandteil des jüdischen Glaubens, und Jesus war kein Prophet.
    Die Juden haben bis heute die christliche Religion nicht eindeutig toleriert. Die heutigen Ezidis hingegen sind der zarathustrischen Religion gegenüber offener.
  10. Die Ezidi glauben an die Wiedergeburt des Menschen und demnach verläuft das Leben kreisförmig. Der Mensch ist frei geboren und hat freie Wahl im Leben. Ein Mensch ist gut, wenn er gut denkt, gut redet und sich gut verhält. Gute Taten führen zur Ganzheit und Ewigkeit. Hat der Mensch aber böse Entscheidungen getroffen, so muß er sich solange bemühen, bis er das Licht, den richtigen Weg und die Wahrheit gefunden hat. Seine Seele ist dann rein und kann dann im Himmel aufgenommen werden.
    Herr Dr. Jamal Nebez, ein kurdischer Orientalist, vergleicht die Grenze zwischen Tod und Leben im ezidischen Glauben mit dem Tauchen einer Ente im Wasser bei der Suche nach Nahrung. Sie taucht an einer Stelle unter und kommt woanders wieder hoch.
    In der zarathustrischen Religion fängt das Leben bei einem Punkt an und geht horizontal unendlich weiter. Das steht im Widerspruch zu den Darstellungen in der ezidischen Religion.
  11. Schließlich werden die von Scheich Adi eingeführten Reformen von den Anhängern der zarathustrischen Religion nicht anerkannt, während sie für die Ezidi unantastbar sind.

 

Schlußbemerkung

Die religionsgeschichtliche Forschung beweist, daß die Ezidi nicht von den Zarathustriern abstammen. Ich bin bereit, mit jedem und an jedem Ort zu diskutieren, um die historische Wahrheit herauszufinden. Pauschale, irreführende oder haltlose Behauptungen, wie zum Beispiel die Ezidi seien ursprünglich Zarathustrier, egal von welcher Autorität vertreten, muß ich allerdings kategorisch ablehnen.

 

Ich bin voll damit einverstanden, Zarathustra als iranischen Propheten zu akzeptieren. Warum auch nicht? Wir erkennen alle Propheten anderer Religionen an, und wir können auch einen Indo-Germanen als Propheten akzeptieren.

 

Es ist bitter, daß die Ezidi ihre eigene Geschichte nicht kennen. Allein die Tatsache, daß sie bis in die fünfziger Jahre dieses Jahrhunderts sogar den Schulbesuch ihrer Kinder strikt ablehnten, zeigt, daß sie geschichtliches Wissen nachzuholen haben.

 

Als mein Vater von der ablehnenden Haltung der Ezidi zur Gründung der ersten Schule für die Ezidi-Kinder sprach, wunderte ich mich darüber.

Die Schule kann nur gut sein; warum lehnten sie es ab, ihre Kinder in eine öffentliche Schule zu schicken?

 

Einige Jahre später wurde mir klar, weshalb sie so skeptisch gegenüber fremden Kulturen waren. Es war die Jahrtausende währende Verfolgung und Vertreibung durch die moslemischen Eiferer, die jeden Ezidi als Anbeter des Bösen und des Feuers betrachteten, und die sich verpflichtet fühlten, diese "Ungläubigen", notfalls mit Zwang, auf den rechten Weg zu bringen.

 

Ängste der Ezidi waren nicht unbegründet, denn die islamischen Eroberer ließen sie nicht einen einzigen Augenblick aus den Augen. Ihre Frauen wurden zur Heirat mit Muslimen gezwungen, ihre allerheiligsten Stätten wurden geschändet, und nicht zuletzt wurde das Religionszentrum der Ezidi im Nordirak, Lalisch, zu einer "Medressa", also Koran-Schule umgewandelt.

 

Leider führte dies alles zur Entstehung einer tiefen Kluft zwischen den benachbarten Völkern und zur Unwissenheit über die eigene Kultur.

 

Mühsam versuchen einige kurdischen Parteien, die Wunden der Vergangenheit behutsam zu behandeln und die Kluft zu verringern. Ob es ihnen gelingen wird, bleibt abzuwarten.

 

Ich jedenfalls hoffe, mit meinem Beitrag, liebe Leserinnen und Leser, eine Wissenslücke einigermaßen geschlossen zu haben.

 


 

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